LEITARTIKEL von

Wir brauchen einen Arbeitskreis

Das Thema Pflege im Alter überfordert alle - Ärzte, Pfleger, alte Menschen und ganz besonders die Angehörigen

Esther Mitterstieler © Bild: News/Ian Ehm

Es ist ein schwieriges Thema: Die Pflege alter und/oder kranker Menschen ist nicht erst ein Thema, seit vor einigen Tagen eine neue Debatte über skandalöse Zustände in Österreichs Pflegeheimen ausgebrochen ist. Es ist eine Geschichte der Überforderung. Alte Menschen müssen ins Heim, junge und weniger junge Angehörige kommen zu Besuch und lernen ein System kennen, das sie in keinem schlechten Film sehen wollten -geschweige denn in ihrer eigenen Realität: Pflegerinnen und Pfleger sind überfordert, Arbeitspläne im Sekundenschritt getaktet. Zeit ist Luxus. Geld sowieso.

Da wären wir beim nächsten Baustein der Überforderung. Früher hieß es immer: Der Staat wird's schon richten. Heute wissen wir: Der Staat -und wir alle sind ein Teil davon -zahlt pro Jahr etwa 350 Millionen Euro für die Pflege. Mitreden darf er freilich nicht. Denn Pflege ist immer noch hauptsächlich Ländersache. Die Bundesländer geben das Geld nicht richtig aus, um den Betroffenen das Leben zu erleichtern. Liest man den Bericht der Volksanwaltschaft, zeigt sich die ganze Dimension des Skandals: Alte Menschen, die ab spätestens 18 Uhr mit Schlaftabletten ins Bett gesteckt werden, weil die Pfleger mit einem Schnitt von 30 Patienten eine Nacht durchkommen müssen - Wickeln inklusive. Das können wir nicht ernsthaft wollen. Dementsprechend hoch ist auch die Fluktuation beim Pflegepersonal. Das muss mal eine(r) aushalten. Überfordert sind auch die Behörden. Ihnen reine Wurstigkeit vorzuwerfen, wäre wohl vermessen.

Wer Verwandte, Bekannte oder Freunde mit Pflegebedürftigen in der Familie hat, weiß, was das bedeutet. Kein Mensch will, dass Oma, Großtante oder Großonkel ins Heim muss. Wer seine Angehörigen ins Heim bringt, wenn es zu Hause einfach nicht mehr geht, ist nicht automatisch herzlos. Niemandem ist geholfen, wenn alte Menschen per 24-Stunden-Pflegedienst daheim zwar versorgt werden, aber alleine sind und in einer Pflegeanstalt besser umsorgt werden könnten. Von den pekuniären Kosten abgesehen. Da wären wir wieder beim Grundproblem. Der schnöde Mammon fehlt hinten und vorne, deshalb verlangt die Gewerkschaft mehr Geld für Personal, der SPÖ-Pensionistenverband verstärkte Kontrollen durch die Bundesländer. Hygienemängel, psychischer Druck und willkürliche Verabreichung von Medikamenten werden aufgezählt. Kontrollen sind sicher richtig und wichtig, ebenso wie das Vorgehen gegen Willkür von Heimbetreibern.

Man wird den Gedanken trotzdem nicht los, dass ein bisschen Veränderung nichts bewegt. Wenn das System nicht angefasst wird, werden unerhörte Zustände weiter aufrecht erhalten bleiben. Eine einheitliche Struktur der Pflege für alle Bundesländer wäre besser organisierbar. Die Bundesländer treiben den Bund - wie bei der Mindestsicherung - vor sich her, und der ist gerade einmal zum Bezahlen gut. Also wieder: Hauptsache, wir Steuerzahler blechen.

Als Gesellschaft müssen wir uns fragen: Kann es unser Ernst sein, dass wir unsere Alten abschieben, uns nicht mehr um sie kümmern, sie am liebsten vergessen? Die Gesellschaft wird älter. Wir sind mitten in einem unumkehrbaren Wandel.

Wenn wir die Älteren nicht stärker in unser Leben einbinden, und das fängt bei der Pflege an, werden wir uns noch wundern. Wir kennen ja den Spruch: "Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man 'nen Arbeitskreis." In dem Fall wird einer nicht reichen.