Wilco von

Neues Rock-Meisterwerk

"The Whole Love": US-Band begeistert mit filigranem Folkrock, Swing und Beach Boys

Wilco - Neues Rock-Meisterwerk © Bild: wilcoworld

Aus kunstvollem Krach und düsterem Bass-Gewummer erhebt sich eine filigrane Folkrock-Melodie, Jeff Tweedys Stimme verströmt Melancholie. Kühle Keyboard-Sounds sperren sich gegen behaglichen Wohlklang. Später sägt Gitarrist Nels Cline den Song in Stücke und wird bei seinem Zerstörungswerk vom ebenso virtuosen Schlagzeuger Glen Kotche begleitet: "Art Of Almost", der grandiose siebenminütige Opener des neuen Wilco-Albums "The Whole Love" (Indigo), hat alle Qualitäten, für die diese nimmermüde US-Band seit 15 Jahren gerühmt wird. Ein beherzter Start in eine Platte, mit der Wilco einiges geraderücken will.

Nach zwei ruhigeren, melodie-satten Alben war den sechs Musikern von manchen Fans und Kritikern zuletzt vorgeworfen worden, sie seien etwas behäbig, altersmilde, ja mutlos geworden. Zum Vergleich wurde "Yankee Hotel Foxtrot" (2002) herangezogen - ein zwischen Lärm und Harmonie pendelndes, avantgardistisches Meisterwerk, mit dem die Band aus Chicago den Durchbruch im Alternative-Rock-Sektor schaffte.

Entwicklungen ihren Lauf lassen
Wilco-Boss Tweedy kann recht sauer auf solche Gegenüberstellungen reagieren. "Das ist nicht ganz fair - die Leute tun es trotzdem", sagte der 44-Jährige dem deutschen "Rolling Stone" (September). "Aber diese Platten sind in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen entstanden, mit unterschiedlichen Beteiligten. Man kann das nicht wiederholen, man muss den natürlichen Entwicklungen ihren Lauf lassen."

Eigene Plattenfirma gegründet
Um nach zwei Top-Fünf-Alben in den US-Charts jeden kommerziellen und künstlerischen Druck von außen hinter sich zu lassen, gründeten Wilco für "The Whole Love" (jetzt im Handel) ihre eigene Plattenfirma dBpm. Angesichts der schlingernden Musikbranche und der heutzutage potenziell besseren Verdienstchancen für renommierte Independent-Musiker sei das ein logischer Schritt und eine Befreiung gewesen, sagt Tweedy.

Erinnerung an die Beatles
Auch wegen der neuen Unabhängigkeit kann die Band nun unbeschwert an ihre experimentelle Phase anknüpfen - ohne freilich die zeitlos-schönen Melodien ihres jüngeren Opus Magnum "Sky Blue Sky" (2007) zu vernachlässigen. Auf das noisige "Art Of Almost" folgt "I Might", ein vor Spielfreude sprühender Uptempo-Song mit verzerrtem Bass, Glockenspiel, Kirmesorgel und einem an die Beatles erinnernden Harmoniegesang.

Garagenrock, Swing und Beach Boys
Die streicherverzierte Folk-Ballade "Black Moon" oder das traurige "Rising Red Lung" präsentiert die Musiker von ihrer introvertierten Seite - und Tweedy als einen der einfühlsamsten Sänger seiner Generation. Daneben wechseln sich Garagenrock ("Standing O"), nostalgischer Swing in Randy-Newman-Nähe ("Capitol City"), eine Beach-Boys-Hommage ("Dawned On Me") und immer wieder unwiderstehlicher Gitarrenpop ("Born Alone", "Whole Love") auf diesem grenzenlosen Album ab.

Zarter Countryfolk ohne Langeweile
Dass diese Band - allen Verdächtigungen zum Trotz - weiterhin Neues ausprobieren will, beweist spätestens der Schlusssong "One Sunday Morning". Offenbar inspiriert von Bob Dylans epischen Liedern der 60er und 70er Jahre, dehnt Songwriter Tweedy eine zarte Countryfolk-Melodie über zwölf Minuten, ohne dass es jemals langweilig wird. Gitarren, Piano und dezente elektronische Störgeräusche umschlingen einander so schwerelos, wie es vielleicht nur Wilco hinbekommt.