Wiener Festwochen von

Ausnahmezustand

Das waren die Wiener Festwochen: Ein Höhepunkt folgte dem anderen

Wiener Festwochen © Bild: Guido Mencari/Wiener Festwochen

Schwer zu sagen, was nun eigentlich der Höhepunkt der Wiener Festwochen gewesen sein mag, Salvatore Sciarrinos Oper "Luci mie tradititrici/Die tödliche Blume" in der bildmächtigen Regie des legendären Achim Freyer, Simon Stones Neuinterpretation von Henrik Ibsens Drama "John Gabriel Borkman" oder Bela Bartoks Oper "Herzog Blaubart", die Regisseurin Andrea Breth mit Schumanns Klavierkomposition "Geistervariationen" in eine neue Dimension führte. Einerlei, denn am Ende fügte sich jeder Teil in den anderen, ergibt das große Ganze, generiert einen künstlerischer Ausnahmezustand, einen seltenen Zustand von (Musik-)Theaterglück.

Am Beginn stand das Eifersuchtsdrama, stand Mord. Salvatore Sciarrino erzählt in seiner Oper "Luci mie tradititrici/Die tödliche Blume" die Geschichte des Barockfürsten und Komponisten Gesualdo, der seine Frau aus enttäuschter Liebe ermordete. Am Ende ging es wieder um Liebe und Tod, bei Bela Bartoks einziger Oper "Herzog Blaubart". Aber der Reihe nach. Dazwischen haben Festwochenintendant Markus Hinterhäuser und sein Schauspielchef Stefan Schmidtke noch Beachtliches auf den Spielplan gesetzt.

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© Alexi Pelekanos/Wiener Festwochen Der Fall Svjek

"Der Fall Svjek". Regisseur Dusan David Parizek hatte Jaroslav Haseks Roman für das Theater adaptiert. Der Soldat Schwejk wird als Deserteur angeklagt, die Vorverhandlungen, die Zeugenvernahme auf einem Militärgericht in der Donaumonarchie werden zum Tribunal nationaler Vorurteile. Die Produktion erweckt schon jetzt Vorfreude auf die kommende Theatersaison, wenn Dusan Hausregisseur am Volkstheater ist.

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© Elizabeth Carecchio/Wiener Festwochen La Reunification des deux Corées

"La Reunification des deux Corées", ("Die Wiedervereinigung der beiden Koreas") von Joel Pommerat. Der französische Theatermann zeigte ein tiefsinniges Kammerspiel über Liebe und Sehnsucht. Grandios!

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© Nurith Wagner-Strauss/Wiener Festwochen Noise

"Noise" von Stefan Nübling. Mit jungen Darstellern dachte der Schweizer Theaterregisseur über Kapitalismus, Facebook und was es heißt, in einer Zeit von Selfies und Wirtschaftskrise jung zu sein, nach. Ein bewegend, berührender Abend.

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© Bernd Uhlig/Wiener Festwochen Geistervariationen

Zurück ins Theater an der Wien, zurück zu Andrea Breth. Eine holzvertäfelte Bühne im Theater an der Wien, neun alte Männer, drei junge Frauen, Stille. Sätze, Zitate, die man schon irgendwann einmal gehört haben mag, ein Szenario das man schon irgendwann einmal so oder ähnlich gesehen hat. War es beim Schweizer Theatermann Christoph Marthaler Minutenlanges Warten, Männer putzen Heizkörper, einer wagt Tanzschritte. Ist das des Lebens Ende, der letzte Wartesaal?

Die Gedanken wandern zurück zum kürzlich Gesehenem im nämlichen Theater, verflechten sich mit Romeo Castelluccis Stück "Go down, Moses". Er zeigte Anfang und Ende des Lebens, zeigte Angst, Todesangst, Wahn, eine Mutter, die ihr neugeborenes Kind in einer Mülltonne aussetzt, eine Elternpaar in einer archaischen Höhle, das sein Kind begraben muss und sich danach der Entstehung der nächsten Generation widmet, ganz selbstverständlich ergeben dem Kreislauf des Lebens.

Wahn oder Tod, entkommen gibt es keines, wie Andrea Breth mit Schumanns "Geistervariationen" zeigt. Im Wartesaal eines Altersheim, verharren sie noch immer die neun Männer, der Tänzer ist zusammengebrochen, liegt ausgestreckt auf dem Boden, wird umsorgt, wie für die letzte Ruhestätte. Minuten vergehen und dann, ganz behutsam, setzen Klavierklänge ein, Elisabeth Leonskaja spielt hinter der Bühne Robert Schumanns letztes Werk, "Geistervariationen". Langsam verblasst das Licht, wird ausgelöscht. Das Schauspiel ist zu Ende, das Rätsel bleibt. Doch Kreis ist geschlossen.

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