Wiener Börse befindet sich auf rasanter Talfahrt: ATX bricht um satte 7,5 Prozent ein

BETandWIN.com rasselt um mehr als 20% runter Schwaches Umfeld und Zinsängste Auslöser

Die Wiener Börse hat am Montag ihre jüngste Talfahrt deutlich beschleunigt. Der heimische Leitindex ATX rasselte zu Wochenbeginn um kräftige 7,47 Prozent ins Minus und schloss bei 3.559,01 Punkten. Seit Beginn der vergangenen Woche hat der Markt damit knapp 16 Prozent an Wert eingebüßt. Auch die Performance seit Jahresbeginn ist mit minus 3,0 Prozent mittlerweile negativ. Aktienhändler sprachen von einer "Ausverkaufs-Stimmung".

Es werde zum Teil "hemmungslos" verkauft. "Das ist jetzt sicher keine normale Korrektur mehr", hieß es in einem Handelsraum. Für ein mögliches Ende des positiven Börsentrends spreche laut Händlern das gute Umsatzvolumen hinter den Kursverlusten, sowie die Tatsache, dass der gesamte Markt von den Abschlägen erfasst sei.

Die Verluste zogen sich am Montag durch alle Branchen. Besonders stark betroffen waren die Aktien des Internetsportwetten-Anbieters BETandWIN mit einem Minus von 21,60 Prozent. Auch alle Indexschwergewichte verbuchten kräftige Abschläge. So verloren Raiffeisen 11,98 Prozent, Erste Bank fielen um 6,49 Prozent. OMV büßten nach ihren jüngsten Verlusten weitere 5,90 Prozent ein, Telekom Austria schlossen 4,13 Prozent schwächer. "Es gibt kaum eine Branche die heute ungeschoren davon kommt", meinte ein Marktteilnehmer.

Heimische Aktienanalysten gaben sich trotz der kräftigen Verluste zuversichtlich für die weitere Entwicklung. Der Kursrutsch wurde vor allem als Korrektur nach der lange anhaltenden Rekordjagd der Wiener Börse interpretiert. Nachdem Wien deutlich stärker als andere Börsen zuleget hatte, gebe es nun auch größeres Korrekturpotenzial. Der ATX hatte noch Anfang Mai mit 4.344 Punkten ein neues Allzeithoch markiert, allein im Jahr 2005 hatte der Index satte 51 Prozent zugelegt.

Vor allem das international schwache Börsenumfeld und makroökonomische Faktoren wie Ängste vor steigenden Zinsen hatten nun Gewinnmitnahmen und Verkäufe ausgelöst, meinten Analysten. Zudem hatten die jüngsten Verluste der osteuropäischen Börsen den Wiener Markt wegen des starken Ost-Engagements heimischer Unternehmen besonders in Mitleidenschaft gezogen.

Auch die Sektorzusammensetzung des ATX mit seiner hohen Gewichtung an Finanz- und Energiewerten habe für überproportionale Verluste gesorgt, erklärt die Unternehmens-Chefanalystin der Raiffeisen Centrobank (RCB) Claudia Vince-Bsteh. Stop-Loss-Order sowie die im internationalen Vergleich geringere Liquidität in Wien dürften dann die Talfahrt noch weiter beschleunigt haben: "Wenn alle gleichzeitig, durch die selbe Tür wollen, gibt es ein Problem", erklärt der CA-IB-Chefanalyst Reisenberger. Dabei habe sich an den guten Unternehmensdaten nichts geändert.

"Die Leute denken jetzt in ihrer Panik nicht daran zu kaufen, obwohl das sinnvoller wäre", so der CA-IB-Analyst. Angesichts der guten Gewinnentwicklung seien heimische Unternehmen jetzt an der Börse sogar günstiger bewertet als 2005, rechnet der Experte vor. Reisenberger erwartet auf Sicht von sechs Monaten wieder höhere Kursniveaus als jetzt.

Auch Vince-Bsteh erwartet ab dem dritten Quartal wieder höhere Kurse. Die vorgelegten Quartalsergebnisse seien sehr gut gewesen, an den Rahmenbedingungen für die Unternehmen habe sich nicht viel geändert, so die Expertin. Eine Korrektur im zweiten Quartal sei absehbar gewesen und war in den Prognoseszenarien der RCB enthalten. Vince-Bsteh sieht daher noch keinen generellen Trendbruch. Das Ausmaß der Verluste in so kurzer Zeit sei allerdings "heftig", räumt die Analystin ein.

"Kein Grund zur Panik!", heißt es auch in einer aktuellen Einschätzung des RZB-Chefanalysten Peter Brezinschek. Die jüngste Korrektur an den internationalen Börsen dürfte zwar nicht in wenigen Tagen wieder beendet sein, der längerfristige Aufwärtstrend der Börsen sollte aber intakt bleiben, so Brezinschek. Für eine Fortsetzung der Börsenschwäche im Juni spreche noch die Annahme weiter schwacher Konjunkturvorlaufindikatoren. Das Großteil der Rückschläge - vor allem in Wien und Osteuropa - dürfte aber ausgestanden sein, so der Analyst.

Grasser sieht "Korrekturphase"
Finanzminister Karl-Heinz Grasser sieht die Talfahrt der Wiener Börse gelassen. Es müsse auch "Korrekturphasen" geben, sagte Grasser. Er würde sich da keine besonderen Sorgen machen, so der Finanzminister in Richtung der Anleger.
(apa/red)