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Nachhilfe in Demut

Michael Häupl verdankt seinen Wahlsieg der geglückten Zuspitzung des Wahlkampfs

Julia Ortner © Bild: News
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Der rote Mut ist müde geworden, aber am Ende ist Michael Häupl doch noch einmal erwacht. Die SPÖ bleibt vor den Freiheitlichen Nummer eins in Wien und muss sich angesichts der blauen Gefahr im Wahlkampf sehr darüber freuen – für die „Demut“, von der Politiker in solchen Situationen so gerne groß reden, wäre jetzt tatsächlich einmal Zeit – wer weiß, wie es für Häupl ohne die grünaffinen Frauen ausgegangen wäre, die diesmal laut Umfrage rot gewählt haben.

Strategisch hat Häupl den ersten Platz eben vor allem mit seiner Zuspitzung gehalten, die viele als die gefährliche Drohung verstanden haben, als die sie auch gemeint war: Der Strache oder ich. Und der Wiener SPÖ-Chef hat als Antithese zur FPÖ-Linie ein Herz für Flüchtlinge gezeigt, das ist zumindest eine klare Haltung und nicht das übliche Herumeiern. Also das, was man in der Politik neumodisch „Leadership“ nennt und was zuletzt Oberösterreichs Josef Pühringer vor seiner Wahl vermissen ließ. Dass die rot-schwarze Bundesregierung Leadership nur aus dem Politikersprech-Handbuch kennt, macht es ihren Landeshauptleuten bei Wahlen auch nicht leichter.

Doch auch wenn die Sozialdemokraten ihren ersten Platz haben – die letzten Wochen haben ihnen die Brüchigkeit des einst stolzen roten Selbstbildes deutlich vor Augen geführt. Die Stadt gehört nicht mehr dir, das weiß auch Michael Häupl, mit den großen historischen Verdiensten und den Reformen des roten Wien ist keine Wahl mehr automatisch zu gewinnen. Hart für die SPÖ, dass sie die Bundeshauptstadt nicht mehr freihändig regieren kann, mit einem kleinen Koalitionspartner, den man hin und wieder ausbüchsen lässt, für ein paar Projekte.

Nein, das Bild in der Stadt hat sich mit dieser Wahl grundsätzlich verändert. Mit dieser starken FPÖ und ihrem großen Selbstbewusstsein, das sie die SPÖ spüren lassen wird; mit dieser devastierten ÖVP, die man jetzt nach dem Aufstieg ihrer bürgerlichen Konkurrenz von den Neos wirklich nur mehr eine verfolgte Minderheit nennen kann.

Die Bundesregierung kann mit dem Wiener Ergebnis irgendwie leben. Für ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner ist der Niedergang in der Stadt natürlich längerfristig problematisch, aber nicht sofort bedrohlich. Die Wiener Volkspartei gilt ja schon lange als Dramaqueen des schwarzen Lagers. SPÖ-Kanzler Werner Faymann kann froh sein, dass ihm Häupl die Bundeshauptstadt nicht verloren hat – und er kann darauf hoffen, dass nach diesem Kraftakt derzeit auch niemand die Energie aufbringt, ihn wieder als SPÖ-Chef ablösen zu wollen.

Das rote Wien kann sich nun jedenfalls nicht mehr auf seiner saturierten Selbstgefälligkeit ausruhen, die es im Laufe des jahrzehntelangen Regierens entwickelt hat – ja, Wien ist eine lebenswerte, tolle Stadt, aber eben auch der Ort, wo Institutionen in Parteinähe gut leben, wo die Stadt als einflussreicher Arbeitgeber und Medien-Inserent ihren Einfluss immer wieder spielen lässt.

Mit dieser alten politischen Kultur wird sich die SPÖ nun wohl auch beschäftigen müssen. Wahrscheinlich wieder gemeinsam mit den Grünen als Koalitionspartner, zum Stand der ersten Hochrechnung ginge sich vielleicht auch Rot-Schwarz aus. Kein einfacher Prozess für die Roten, Selbstkritik gehört ja nicht unbedingt zur DNA der Wiener SPÖ. Wer so lange in seiner eigenen Liga spielt, lernt das auch schwer. Ein paar Selbstfindungsseminare wären da vielleicht hilfreich.

Vielleicht kann man dann ja auch einmal gemeinsam überlegen, was Demut wirklich bedeutet.

Kommentare

Oberon
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Stunden sind vergangen und die Tränen wegen dem Wahlergebnis - uns zwar als Wahlerfolg verkauft - aber ohne Betriebsblindheit besehen, eine der größten Niederlagen der Roten - werden inzwischen getrocknet sein.

"Selbstkritik gehört ja nicht unbedingt zur DNA der Wiener SPÖ". Na ja, wozu auch, im Zweifelsfall sind sowieso die anderen Parteien schuld, denn - WIR machen immer alles richtig...

Oberon
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.... Die Roten sind schon lange nicht mehr das, was sie einmal waren.Diese Partei gehört rundum saniert, bevor sie noch weiter abstürzt.

sepp600 melden

Demut wäre nachzudenken

Wenn die 2 stärksten Parteien zusammen kommen
hätten sie 70 % der Wählerstimmen
und nicht knappe 50%.

Aber da gibt es eine Partei
die grenzt andere Parteien aus.
Werden nichts dazu gelernt haben
und es wird wieder ein Stillstand für Wien werden.

higgs70
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Ja, aber das Nachdenken gilt für beide Seiten.
Und wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin und es kommen mir tagtäglich lauter vermeintliche Geisterfahrer entgegen, würd ich langsam mal nachzudenken beginnen, ob nicht ich derjenige bin, der einen Fehler gemacht hat und nicht in die Rolle des armen Ausgegrenzten schlüpfen. Und solange die nicht in den eigenen Reihen mal aufräumen und ihre Kellernazis konsequent ausmisten, steht ihnen die Opferrolle nicht zu. Kein Mensch hätte Probleme mit Hofer, Darmann, Steger und vielen anderen in FPÖ, aber es ist das Braunvieh, das Mist macht und mit dem halt kein Staatswesen zu machen ist.

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