Alternatives Wohnen von

Wagengruppe kämpft um Bleibe

Wien: Rund 20 Menschen suchen vor dem Winter noch dringend ein neues Quartier

Wagengruppe Treibstoff © Bild: NEWS.AT

Sie wohnen anders: In umgebauten Lkws und Wohnwägen lebt die Wagengruppe "Treibstoff" nun schon seit Jahren auf ungenutzten Freiflächen in Wien. Doch derzeit muss die Gruppe um eine Bleibe kämpfen. Nach mehreren Besetzungen und Räumungen hat sich die Situation nun kurz vor Wintereinbruch zugespitzt: "Wir denken gerade nur von einem Tag zum anderem. Die Verzweiflung wächst", sagt eine Sprecherin der Wagengruppe. Ein provisorischer Standplatz dient zurzeit als Unterkunft, doch wie lange sie dort noch verweilen dürfen ist ungewiss.

Betroffen sind derzeit rund 20 Menschen, die sich für eine alternative Wohnform entschieden haben. "Auch wenn es teilweise aufwändig und anstrengend ist, wir leben gerne so", sagt die Sprecherin. Geheizt wird mit Brennöfen, die mit Holz befeuert werden. Als Toilette dient ein mobiles Klo, das immer wieder ausgepumpt wird. Oft gibt es kein fließendes Wasser.

Verzweifelte Suche

Bis vor über einem Monat hatte die Wagengruppe einen festen Standort und einen Mietvertrag mit den Wiener Linien für das Baugelände an der Aderklaaer Straße im 21. Bezirk. Doch der Vertrag ist ausgelaufen und seitdem zieht die Wagengruppe durch Wien auf der Suche nach einem neuen festen Stellplatz - und das noch vor dem Winter.

"Wir sprechen uns momentan gegenseitig Mut zu. Nach dem Motto, wir werden schon etwas finden", sagt die Wagengruppen-Sprecherin.

Wagengruppe Treibstoff
© Wagengruppe Treibstoff Die Wagengruppe in der Baldassgasse kurz vor der Räumung.

Ein Angebot, keine Nachfrage

Ein Angebot der Stadt Wien gibt es: Ein Grundstück in der Lobau (Primavesigasse) könnte laut Sprecher des Wiener Wohnbauressorts von der Gruppe bezogen werden. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie Flächenwidmung und Wasseranschluss stimmen zwar, aber für die Wagengruppe kommt der Standort dennoch nicht in Frage: Viele Berufstätige und Studenten der Gruppe müssten so jeden Tag eine weite Strecke ins Stadtzentrum pendeln, erklärt die Sprecherin. Die öffentlichen Verkehrsverbindungen seien ebenfalls nicht ideal, ein Fahrzeug müsste also her. Hinzu komme ein Preis von rund 1.300 Euro im Monat nur für die Benützung des Geländes, schätzt die Gruppe - exklusive Kosten für Wasser, Heizmaterial und andere lebensnotwendige Dinge. Da sich die Gruppe über den Winter meist halbiere, stimme das Preis-Leistungs-Verhältnis in diesem Fall einfach nicht. Eine andere Möglichkeit gib es von Seiten der Stadt Wien nicht.

"Nicht alle ungenutzten Grundstücke sind zum Wohnen geeignet oder gehören der Stadt Wien. Im Moment gibt es eben kein anderes Grundstück, das die nötigen Voraussetzungen erfüllt", sagt der Sprecher des Wohnbauressorts. Eine andere Wagengruppe hat in der Lobau bereits ihr festes Zuhause gefunden. Dort funktioniere alles gut, teilt der Sprecher mit. Die Wagengruppe "Treibstoff" fühlt sich wiederum von der Stadt abgekanzelt. "Wir wollen nicht unter Zwang etwas mieten, das uns eigentlich nicht zusagt", verteidigt die Wagengruppe ihren Standpunkt. Die Stadt setze sich zu wenig für diese alternative Wohnform ein, die sowohl nachhaltig als auch preisgünstig sei. "Warum will die Stadt alle Wagenplätze, im Sinne von einem Wagenplatz-Ghetto, in die Lobau verbannen?", kritisiert die Sprecherin der Gruppe. Die Forderung von "Treibstoff": Sie wollen sich an einen Tisch setzen und klären, warum keine andere Lösung möglich ist.

"Wir sind grundsätzlich immer gesprächsbereit", heißt es aus dem Wohnbauressort. Gegen die alternative Wohnform habe man nichts einzuwenden, Besetzungen von Grundstücken könnten allerdings nicht geduldet werden. "Wir lassen uns in diesem Fall nicht erpressen. Momentan gibt es keine Alternative zur Lobau. Das Angebot steht noch, wenn man sich über den Preis einig wird. Es gilt objektiv abzuwägen, ob sie das Grundstück nicht doch nehmen wollen. Der Ball liegt jetzt bei der Wagengruppe", sagt der Sprecher der Stadt Wien. Wenn die Gruppe eine Lösung durch einen privaten Anbieter finden würde, wäre das für die Stadt Wien in Ordnung, solange die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.

Auf eine gute Nachbarschaft

"Es ist für uns unverständlich, wie viel Unwillen eine selbstorganisierte Lebensform hervorruft", kontert die Sprecherin der Wagengruppe. Besonders weil die unmittelbaren Nachbarn und das Wohnungsumfeld bisher fast immer positiv auf die Gruppe reagiert hätten. "Die Anrainer, die direkt neben uns wohnen, haben überhaupt keine Probleme mit uns", versichert das Mitglied der Wagengruppe. Die Nachbarn würden selbst nicht verstehen, warum es zu keiner Einigung komme. Vor Vorurteilen bleibt die Gruppe aber nicht verschont. Vereinzelt beschweren sich Mieter. "Müll und Gestank gibt es bei uns nicht. Das sind Verleumdungen von Leuten, die uns nicht wollen", sagt die Sprecherin. Auch mit der Polizei habe es nie Probleme gegeben.

Selbst wenn die Umstände nicht immer einfach sind, auf die Lebensform zu verzichten, kommt für die Gruppe nicht in Frage. "Im Winter sind immer weniger Leute da. Es gibt Eltern, die gerne da bleiben würden, aber den Kindern ist das ohne festen Stellplatz nicht zumutbar", teilt die Sprecherin mit. Einem Vater, der nun mit seinen Kinder in einer Wohnung lebe, gehe es gar nicht gut dabei. Ihm fehle das soziale Umfeld der Gruppe sehr. "Wir besuchen ihn daher öfter", sagt das Mitglied. Die Hoffnung auf eine passende Bleibe habe man jedoch noch nicht aufgegeben.

Und falls der Winter hereinbricht und ein Quartier fehlt? "Wir hoffen, dass uns irgendeine Baufirma wenigstens für ein halbes Jahr auf einer ungenutzten Fläche stehen lässt", sagt die Sprecherin. Danach muss die Lkw- und Wohnwagen-Kolonne wieder weiterziehen, auf der Suche nach einem neuen Zuhause.

Kommentare

Ignaz-Kutschnberger

Ich wäre für die Mariahilfer Str. ...die ist jetzt ohnedies verkehrsberuhigt...da müsste sich doch die ein oder andere Parkmöglichkeit finden, sofern die ihre Fahrzeuge dann auch nur 1x alle 3 Monate in Bewegung setzen

derpradler
derpradler melden

Es kann doch kein Problem sei einen Patz zu finden wo diese Leute überwintern können!?

huginator melden

den platz gibts ja eh, aber der passt ihnen nicht. ist halt blöd, wenn im ersten bezirk grad nix frei ist. damit muss man klarkommen, wenn man sich für einen alternativen lebensstil entscheidet. es gibt viele leute, die kompromisse eingehen müssen in sachen wohnort.

luisestein melden

der platz, den die stadt wien als einzige möglichkeit anbietet, ist eine wiese in der lobau, die auf eigene kosten zubetoniert werden müsste, weil die lkw sonst einsinken. dabei stehen viele geeignete flächen leer, das ist doch absurd! der erste bezirk ist ohnehin keine option, aber würden sie gerne ein kellerabteil um 150 euro euro mieten, weil sonst grad nichts frei ist?

Jeder kämpft um seine Bleibe. Ich kämpfe auch. Komme mir vor wie Don Quichote, der gegen die Windmühlen rennt. Nur meine Windmühlen sind Wiener Wohnen und die Justiz und Dulcinea ist JM Karl. http://derdreck.blogspot.co.at/

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