Wien Modern von

Ein "unbalanciertes Orchester" untersucht ohne Maestro das Nichts

Die Wiener Philharmoniker eröffneten das Festival Wien Modern im Wiener Konzerthaus

Wien Modern - Ein "unbalanciertes Orchester" untersucht ohne Maestro das Nichts © Bild: APA/Helmut Fohringer
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Der Platz des Dirigenten blieb leer, gespielt wurde kein einziger Ton und trotzdem waren die Wiener Philharmoniker im großen Saal des Wiener Konzerthauses aktiv. In der Tat: Man führte ein Werk der Stille auf, "4,33", eine der berühmtesten Schöpfungen des amerikanischen Komponisten John Cage. Der Titel bezieht sich auf die Aufführungsdauer. 4 Minuten und 33 Sekunden sind die Musiker auf der Bühne präsent, ohne aber eine einzige Note zu spielen. Jeder der drei Sätze ist mit "tacet" ("schweigt") überschrieben. Die Musik schweigt, während die Geräusche, die zwischen den Tönen sonst auch den Raum erfüllen, wie das Husten im Publikum, das Umblättern der Noten das Eigentliche sind. So war es auch, im letzten Drittel meldete sich auch noch ein Zwischenrufer aus dem Publikum.

Dass die Wiener Philharmoniker bei diesem Werk ohne künstlerische Einbußen auf einen Dirigenten verzichten konnten, versteht sich von selbst. Das Eröffnungskonzert aber sollte das Motto des Festivals reflektieren, nämlich "den Sicherheitsgurt zu lösen". Im Fall der nicht nur bei diesem Konzert selbständigen Wiener Philharmoniker hieß das, auf den Maestro zu verzichten. Bei Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" in der kammermusikalisch anmutenden Streicherfassung waren sie in ihrem Kernrepertoire und bei Cage’s "Sixty-eight", einem Improvisationsstück für 68 Musiker, wäre jede straffe Führung ohnehin obsolet.

Bei der Uraufführung von Johannes Maria Stauds "Scattered Light" ("Verstreutes Licht") für unbalanciertes Orchester musizierte man gleichsam ohne "Netz". Die Kontrabässe, die Basis, und die hohen Bläser, der andere Eckpfeiler, fehlten. Ein Klavier, in der Mitte des Orchesters platziert, flirrende Streicher und Schlagwerke brachten Stauds Klangwelt zum Flirren und Pulsieren. Mehr Staud gibt es ab 8. Dezember in der Wiener Staatsoper zu hören, wenn seine Oper "Die Weiden" zur Uraufführung kommt.