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Boulevard der Unzufriedenen

Ein Streifzug durch die Brünner Straße zeigt die Probleme der wachsenden Stadt

Wien Brünner Straße © Bild: Copyright 2017 Matt Observe - all rights reserved.

Derzeit sorgt die Wiener SPÖ vor allem mit Streitereien für Schlagzeilen. Aber was bewegt die Menschen in einem der vielzitierten, aber selten besuchten Flächenbezirke? Ein Streifzug durch die Brünner Straße in Floridsdorf, Heimat des möglichen Häupl-Nachfolgers Michael Ludwig.

Es gibt einen Witz, der geht so: Vater und Sohn werden in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Sagt der Vater: "Wir müssen ans Ende der Welt ziehen." Sagt der Sohn: "Um Gottes willen, nach Floridsdorf?"

Eine Viertelstunde braucht man mit dem Auto von der Wiener City ins Zentrum des 21. Bezirks. Der Weg führt über die Lände, die Donau und mehrere Barrieren im Kopf. "Es ist viel Halbwissen da", sagt der Journalist Hannes Neumayer, seit gut einem Jahr Besitzer und Betreiber der traditionsreichen "Floridsdorfer Zeitung". Kurzbesucher, die am S-und U-Bahnhof aussteigen, erschaudern und fahren mit dem wohligen Gefühl bestätigter Vorurteile wieder zurück in die Stadt: Hässlich ist es, finden viele, und gefühlt weit weg. Dabei hat Floridsdorf auch viele Qualitäten - eine besonders große Anzahl von Grünerholungsgebieten zum Beispiel. Bisamberg, Alte Donau, Marchfeldkanal.

Anderes gewohnt

Aber hier im Bezirkszentrum "Am Spitz", das so heißt, weil zwei alte Handelsstraßen seit 300 Jahren einen spitzen Winkel bildend hier wegführen, ist davon nicht so viel zu spüren. "Der Bezirk versandelt", knurrt Hans Jörg Schimanek, ehemaliger FPÖ-Politiker und Gründer der Partei "WIFF"(Wir für Floridsdorf). Die Gegend rund um das imposante Amtshaus, erbaut zwischen 1901 und 1903, als Floridsdorf noch als Hauptstadt von Niederösterreich gehandelt wurde, versinkt im Verkehr. Wo einst Fürnkranz, Gerngross und Co. Einkäufer anzogen, dominieren heute 1-Euro-Shops. Schimanek hat liebevoll einige Beweisfotos zusammengetragen, die Probleme mit Alkoholmissbrauch auf dem Bahnhofsvorplatz dokumentieren sollen. Früher sei es im Bezirkszentrum schön gewesen. "Jetzt staut sich's und ist verdreckt. Die sogenannten Ur-Einwohner, oder auch diejenigen, die vor 20 Jahren hergezogen sind, sind anderes gewohnt."

Wien Brünner Straße
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Den Stadtplaner und Sozialarbeiter Stefan Ohmacht überraschen diese Reaktionen nicht. Denn in Floridsdorf, weiß er, passiere gerade Großes: "Die Vororte transformieren sich und werden in die Großstadt integriert." Sein Job ist es unter anderem, die dabei entstehenden Probleme klein zu halten. Mit seinem Team von der Gebietsbetreuung bemüht er sich seit Jahren um Verbesserungen im gründerzeitlichen Viertel von Floridsdorf.

Der an den Bahnhof angrenzende Franz-Jonas-Platz soll etwa durch mehr Beleuchtung und Polizeipräsenz sowie größere Mistkübel aufgewertet werden, erzählt er bei einem Rundgang durch das Grätzel. Der Pius-Parsch-Platz wird unterkellert. Einem auf den ersten Blick unscheinbaren Rohbau an der Ecke zur Schlosshofer Straße kommt offenbar besondere Bedeutung zu: Hier befand sich früher das leer stehende Woolworth-Gebäude, in alten Medienberichten angstlustig als "hässlichstes Gebäude Floridsdorfs" bezeichnet. "Das war", sagt Ohmacht, "wie wenn das Haas-Haus leer stehen würde. Ein Symbol für den Niedergang." Jetzt also: Wohnungsneubau statt Stahlbetonruine. Es geht bergauf.

Vernachlässigt

Auf dem Papier geht es den Floridsdorfern nicht so schlecht. Das Durchschnittseinkommen liegt nur knapp unter dem Hauptstadtschnitt, der Ausländeranteil ist im Wienvergleich relativ niedrig. Trotzdem schaffte es die FPÖ bei der letzten Gemeinderatswahl fast auf Platz eins, nur ein paar hundert Briefwahlstimmen retteten die SPÖ im letzten Augenblick. Ist die Unzufriedenheit am Stadtrand besonders groß? Wegen ein paar Besoffenen am Bahnhof und einigen 1-Euro-Shops?

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Vielleicht, weil sich niemand besonders für sie interessiert. Bei der Umgestaltung des Heumarkts werde über jeden Meter gestritten, sagt Stefan Ohmacht, aber was an den Stadträndern passiere, interessiere nicht. Auch Journalist Neumayer ortet ein Missverhältnis in der Wahrnehmung der Politiker und Journalisten. "Wir fühlen uns schon zu Recht ein bisschen vernachlässigt", sagt er. "Warum gibt es die U6-Verlängerung nicht? Wen interessiert die Floridsdorfer Hauptstraße? Wen interessiert die Brünner Straße? Wen interessiert der Schlingermarkt? Wenn man den Standlern dort sagt, jetzt passiert bald was, sagen sie: 'Das hören wir seit 30 Jahren.'" Dabei leben in Floridsdorf immerhin knapp 156.000 Menschen. Mehr als in Salzburg. Dafür liegt der 21. Wiener Gemeindebezirk bei den Nächtigungen im Wienvergleich an letzter Stelle. Rätselhaftes Floridsdorf, transdanubische Terra incognita.

Die Brünner Straße, früher "Mährische Straße", wurde 1730 neu angelegt und ausgebaut. Einst ein besserer Feldweg, führt sie heute als Ausfallstraße fast schnurgerade durch Floridsdorf bis zur niederösterreichischen Grenze. Nach knapp einem Kilometer geht der gründerzeitlich bebaute Teil der Brünner Straße in ein Gewerbegebiet über. Links, wo bis in die 1980er die historischen Backsteingebäude der Lokomotivfabrik standen, ein Möbelhändler. Daneben ein Supermarkt mit Riesenparkplatz. Schräg gegenüber das neu gebaute Krankenhaus Nord, ein schwarz-graues Ufo, gelandet, aber noch nicht angekommen. Bei seiner Eröffnung 2018 soll es sich, wenn es nach Bezirksvorsteher Georg Papai geht, in eine "Innovationslokomotive" für die Achse Brünner Straße verwandeln. Einstweilen hat es immerhin für eine Verlegung und -hübschung der nahe liegenden S-Bahn-Station gesorgt.

Problemkind

Der Supermarkt mit dem Riesenparkplatz verfügt über ein kleines Café, in dem hauptsächlich Krankenhausbauarbeiter mittagessen. "Ein skurriler Ort", sagt die Architektin Ursula Hofbauer, "aber ich mag ihn. Ich sage immer: Es ist das einzige Straßencafé, das wir haben." Hofbauer wohnte früher im gründerzeitlichen Abschnitt der Brünner Straße. Dann erbte sie ein Haus ein Stück weiter oben, zwischen Gewerbe-und Wohngebiet. Unweit des berühmt-berüchtigten, weil tiefblauen Heinz-Nittel-Hofes. Spätestens seitdem zerbricht sie sich den Kopf über dieses laute und eigenwillige städteplanerische Problemkind vor ihrer Haustür.

"Die Gegend ändert sich ständig. Was ich aus der aggressiven Kritik daran schließe, ist, dass die Leute, die hier wohnen, nie was von der Veränderung hatten. Hier in der Mitte stimmt die Versprechung des grünen Bezirks nicht, es ist aber auch nicht wirklich Stadt und die Verkehrsanbindung ist elend." Ein weiteres Problem sei der Mangel an Geschäftslokalen, meint Hofbauer. Einerseits, weil es keine Aufenthalts-und Kommunikationsorte für die lokale Bevölkerung gebe. "Als der Würstelstand bei mir zugesperrt hat, waren die halbseidenen B'suff aus der Gegend plötzlich heimatlos und stehen jetzt abends vorm Billa herum mit den Bierdosen. Das ist irgendwie unglaublich arm", findet Hofbauer. Andererseits würden "Stadtbelebungskonzepte wie Soho in Ottakring hier nicht funktionieren, weil der billige Raum für die kleinen Kunstprojekte und das studentische Wohnen nicht da ist".

Wachstum

Über dem Durcheinander aus Gründerzeithäusern, Gemeindebauten und Gewerbeflächen, das die Brünner Straße in ihrem mittleren Abschnitt dominiert, ragen Baukräne hervor. Dazwischen brausen die Autos durch. Und werden es auch weiterhin, sagt Bezirksvorsteher Papai, alternative Lösungen seien derzeit nicht in Sicht. Bauen und Verkehr, das sind die Hauptthemen in Floridsdorf. Die Stadt wächst und Raum wird dringend benötigt - den die großen Bezirke am Stadtrand seit jeher bieten konnten. Sozialer Wohnbau aus fünf Jahrzehnten dokumentiert hier, sich teils überlappend, das Wachstum der Stadt. Von einer fast idyllischen 50er-Jahre-Siedlung, grüne Höfe, dorfartige Anlage, bis zu den durch mannshohe Thujen abgeschirmten Terrassen des Nittel-Hofes.

In den Wohnbauten der Umgebung ortet Anrainerin Ursula Hofbauer "eine sich ständig gegenseitig befeuernde allgemeine Unzufriedenheit. Wenn Sie die Leute fragen, dann sagen sie, weil so viele Ausländer da sind. Ich höre aber doch durch, dass man sich hier einigermaßen gottverlassen fühlt. Politiker oder Planer aus Cisdanubien reiten ein, schauen mit dem Feldherrenblick um sich, sagen, es ist eh alles verloren, und gehen wieder dorthin zurück, wo eh alles in Ordnung ist." Schnelle Lösungen seien nicht in Sicht, meint sie. "Wir wollen uns alle um diese gründerzeitlichen Bereiche kümmern. Da verstehen wir, wie Stadt funktioniert. Das hier draußen wäre hochgradig experimentell. Dabei glaube ich, dass man sich die allerärgsten Probleme schafft, wenn man die infrastrukturellen Bedingungen nicht mitbedenkt. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass es so toll ist, neben einer Autobahnabfahrt zu wohnen. Leute werden einziehen, weil sie keine andere Chance haben. Und sie werden frustriert sein, dass sie hier sein müssen, obwohl sie eigentlich nie in Floridsdorf wohnen wollten. Und dann sind sie ang'fressen und dann wählen sie irgendwann die Blauen."

Krux einer Großstadt

Die frühe Einwanderungswelle türkischer und jugoslawischer Gastarbeiter betraf Transdanubien kaum. Die Begegnung mit dem Anderen kam spät und schockartig. In manchen Gemeindebauten, erzählt Hans Jörg Schimanek, kommen auf 30 Parteien nur mehr sechs oder sieben Altparteien. Wenn die Zuzügler sich nicht an Regeln halten "und dann auf etwas einfach gestrickte Österreicher treffen, kracht's natürlich", sagt Schimanek. "Ich will da nicht der Manager sein. Aber das ist halt die Krux einer Großstadt, das sehe ich ein."

Dabei war Floridsdorf eigentlich nie so richtig Teil der Großstadt, eher ein Verband von Dörfern plus Industriegebiet. Jetzt, 112 Jahre nach der Eingemeindung, wird's ernst mit der Urbanisierung. Die dörflichen Strukturen gehen verloren, immer mehr Menschen ziehen zu. Heinz Berger, einer von vier grünen Bezirksräten, verweist auf Parallelen zur vorletzten Jahrhundertwende. "Als Historiker kann ich sagen: Sehr explosives Bevölkerungswachstum hatten wir in Wien auch Ende des 19. Jahrhunderts, und das hat zu großen Problemen geführt. Ich habe nicht den Eindruck, dass man daraus sehr viel gelernt hat." Man dürfe das Bevölkerungswachstum nicht weiter befördern, meint Berger, und müsse "die Integration nicht nur von Flüchtlingen, sondern auch die ganz normale Integration von Migranten aus Niederösterreich oder Deutschland intensivieren. Damit diese neuen Wohngebiete wirklich lebendige Stadtteile werden." Dazu brauche es lokale Zentren, denn: "Eine Straße ist noch kein Zentrum."

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Mit Leidenschaft

Der äußerste Teil der Brünner Straße wurde ab den 90er-Jahren verbaut. Menschen, die wegen der Aussicht nach Floridsdorf zogen, hatten plötzlich Wohnblöcke vor der Nase. Ganz außen, schon fast an der Stadtgrenze, kämpfen Tierschützer seit Jahren leidenschaftlich gegen den Verbau eines Grundstücks, auf dem eine streng geschützte Zieselpopulation lebt. Und damit für den Erhalt eines kleinen Naturparadieses vor ihrer Haustür. Die ersten Bagger fahren gerade auf, Helmut Bauer, einer der Aktivisten, rechnet mit dem Schlimmsten: "Wir gehen eigentlich davon aus, dass aufgrund der Bauarbeiten Ziesel sterben, die kritische Mindestgröße der Population unterschritten wird und die Population dann vermutlich zusammenbricht." Die ersten Mitstreiter seien bereits frustriert und enttäuscht weggezogen, weiter hinaus aufs Land, erzählt er.

Bauer selbst plant, sich später möglicherweise an der Rettung von Kröten auf dem Bisamberg zu beteiligen.

Ursula Hofbauer würde gerne einmal im Sommer einen Leiterwagen an der Brünner Straße aufstellen, Bier ausschenken und schauen, was passiert.
Und die Grünen wollen Bäume pflanzen. Eine Liste liegt vor und wurde an die Verantwortlichen übergeben. Es gehe schließlich, meint Heinz Berger, auch um die kleinen Dinge. "Wie fühle ich mich jeden Tag, wenn ich aus der Tür rausgehe? Das hat ja auch etwas damit zu tun, welche Partei ich wähle."