Wieder blutiger Tag im Irak: Attentat in Bagdad fordert mehr als 30 Todesopfer

Stadtteil Sadr City im Visier von Aufständischen Prozess gegen Ex-Diktator Saddam fortgesetzt

Bei einer neuen Welle von Anschlägen auf Polizeikräfte und Zivilisten sind im Irak fast 60 Menschen ums Leben gekommen. Der folgenschwerste Terroranschlag ereignete sich in der vorwiegend von Schiiten bewohnten Bagdader Vorstadt Sadr-City, wo eine Bombe 32 Tagelöhner tötete. Nach Angaben von Ärzten wurden rund 100 Menschen bei dem Anschlag zum Teil schwer verletzt.

Ein Selbstmordanschlag nahe der syrischen Grenze kostete am Montag sechs Polizisten das Leben. Wie der TV-Sender Al-Irakiya außerdem berichtete, erschossen Unbekannte ein prominentes Mitglied des sunnitischen Rates der Religionsgelehrten, Ezzam al-Rawi. Nach Angaben von Augenzeugen starben bei einem Autobombenanschlag im Bagdader Stadtteil Al-Beiya fünf Menschen. In Bakuba (Baquba) fand die Polizei vier Leichen von Mordopfern. Zwei Arbeiter starben, als ihr Bus bei Khalis von Extremisten beschossen wurde.

Das US-Militär teilte mit, Aufständische hätten am Sonntag in der westlichen Anbar-Provinz einen amerikanischen Soldaten getötet. Im Irak sind im Oktober bereits mehr als 100 US-Soldaten getötet worden.

Der nationale Sicherheitsberater der USA, Stephen Hadley, reiste überraschend nach Bagdad und traf dort mit seinem irakischen Kollegen Muafaq al-Rubaie und Ministerpräsident Nuri al-Maliki zusammen. Bei den Gesprächen ging es um eine bessere Koordination auf militärischem und politischem Gebiet, erklärte die irakische Regierung. Die Einrichtung einer entsprechenden Kommission hatten Al-Maliki und Bush beschlossen.

Unterdessen wurde der Prozess gegen Saddam Hussein wegen Gräueltaten an Kurden fortgesetzt. Dem ehemaligen irakischen Staatschef und sechs Mitangeklagten werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt. Saddam Hussein und ein weiterer Angeklagter stehen außerdem unter der Anklage des Völkermords. Erstmals seit dem 24. September nahmen auch Saddam Husseins Anwälte wieder an dem Prozess teil, allerdings nur zeitweise: Der Anwalt Chalil al-Dulaimi, der Saddams Verteidiger-Team leitet, verließ den Saal, weil der Vorsitzende Richter den Ausländern unter den Anwälten die Teilnahme an dem Prozess nicht gestatten wollte. Er hatte sie am 21. August des Saales verwiesen.

Die arabische Zeitung "Al-Sharq Al-Awsat" berichtete derweil, Saddam habe in einem Brief an das Gericht gebeten, die für den kommenden Sonntag (5.11.) angekündigte Urteilsverkündung in dem ersten Prozess gegen ihn wegen der Hinrichtung von 148 Schiiten zu verschieben. Die Urteilsverkündung könne den Republikanern in den USA bei den Kongresswahlen (7.11.) mehr Stimmen verschaffen, schrieb Saddam nach Angaben der Zeitung. Er wolle nicht indirekt als Wahlhelfer für die Partei von Präsident George W. Bush fungieren.

Prozessbeobachter erwarten nicht, dass am Sonntag wirklich das Urteil in dem Prozess wegen der Hinrichtungen in der Stadt Dujail im Jahr 1982 gefällt wird. Denn da Saddam in diesem Verfahren die Todesstrafe droht, die dann innerhalb eines Monats vollstreckt werden müsste, könnte der zweite Prozess wegen der Angriffe auf kurdische Dörfer in den Jahren 1987 und 1988 nicht zu Ende gebracht werden.

Die US-Regierung vermisst tausende Waffen, die sie für irakische Sicherheitskräfte zur Verfügung gestellt hat. Seit Beginn der Waffenlieferungen in den Irak Ende 2003 sind demnach 14.030 Waffen verschwunden, darunter halbautomatische Pistolen, Maschinengewehre und Granatwerfer, wie Rechnungsprüfer in Washington feststellten. Das Pentagon hat dem am Sonntag veröffentlichten Bericht zufolge 133 Millionen Dollar (knapp 105 Millionen Euro) in die Waffenlieferungen an das Innen- und Verteidigungsministerium in Bagdad investiert. Bis Dezember sollten damit 325.500 Mann ausgerüstet werden. Unklar sei, ob die vermissten Lieferungen überhaupt an die irakischen Sicherheitskräfte gingen. Wieder auffindbar dürften sie kaum sein: Nur von etwa 10.000 der mehr als 370.250 zur Verfügung gestellten Waffen wurden die Seriennummern registriert - das sind weniger als drei Prozent.

(apa/red)