Gastkommentar von

Wie man am besten über
Suizid berichten sollte

Saskia Jungnikl © Bild: Günther Pichlkostner / First Look / picturedesk.com

Vergangene Woche hat der Artikel "Warum wollte Wais, 11, sterben?" für Aufregung gesorgt. Die Intention, Missstände aufzudecken, ist dabei ins Hintertreffen geraten. Die Autorin Saskia Jungnikl hat ihren Vater durch Suizid verloren und darüber ein Buch geschrieben. Richtige Berichterstattung kann Leben retten, sagt sie -und dass Medien in der Pflicht stehen, sich damit zu beschäftigen

Das ging schief. In der News-Ausgabe der vergangenen Woche stand ein Artikel, der meiner Meinung nach so nicht hätte erscheinen dürfen. Wer den Leitfaden für angemessene Suizidberichterstattung kennt, sieht durch den Text zu viele der darin enthaltenen Regeln gebrochen. Ich attestiere den verantwortlichen Redakteuren, dass der Beweggrund, diesen Text so zu schreiben, weder aus Berechnung noch aus Sensationslust resul tierte, sondern aus dem Wunsch, einer Tragödie Sinn zu geben. Dennoch ist beunruhigend, dass bei diesem Thema immer noch eine solche mediale Fahrlässigkeit herrscht.

Suizidberichterstattung ist heikel. Es gibt den Werther-Effekt, so benannt nach der Suizidwelle, die einsetzte, nachdem Goethe sein Buch "Die Leiden des jungen Werthers" veröffentlicht hatte. Eine falsch geratene Berichterstattung kann einen Nachahmungseffekt erzeugen. Journalisten sollten das wissen. Sie sollten es ernst nehmen. Denn es ist keine Mär, die einem erzählt wird, das manifestiert sich in Zahlen. Nachdem sich der deutsche Nationaltorwart Robert Enke 2009 getötet und die Berichterstattung darüber jede Bodenhaftung verloren hatte, nahm die Zahl der Suizide auf Bahnstrecken in Deutschland zu: Um 133 Selbsttötungen mehr gab es in den ersten vier Wochen nach Enkes Tod, als für diesen Zeitraum zu erwarten gewesen wären. Warum ist mir dieses Thema so wichtig? Mein Vater hat sich 2008 das Leben genommen, und in den ersten Jahren nach seinem Tod war ich versunken in einem Albtraum, bestehend aus Trauer, Wut, Angst, Fassungslosigkeit und vor allem anderen Sprachlosigkeit. Wie soll man über ein solches Grauen reden? Wie all den Mitredern und Besserwissern entgegentreten, wie den Vorwürfen begegnen, wie mit seiner Trauer umgehen, wie die Stille um dieses Tabu brechen?

Fünf Jahre nach seinem Tod habe ich mich mit einem Buch freigeschrieben, und weil ich um die Risiken wusste, habe ich zuvor mit Ärzten und Psychologen geredet, um herauszufinden, was ich wie schreiben kann. Mein Buch ist eine Erzählung darüber geworden, wie viel Schmerz und wie viel Trauer ein Suizid hinterlässt und wie er das Leben einer Familie erschüttert, aber auch darüber, wie es weitergehen kann. Ich durfte Worte für etwas finden, wofür es in unserer Gesellschaft zu wenige Worte gibt.

Denn es gibt einen guten Grund, warum über Suizide geschrieben werden sollte: Den Papageno-Effekt, der bei gelungener Berichterstattung dafür sorgt, dass die Zahl an Suiziden sinkt. Ausschlaggebend ist nicht, OB darüber geschrieben wird, sondern WIE darüber geschrieben wird. Die Art und Weise, wie Medien berichten, kann entweder helfen und unterstützen oder aber alleine lassen und anlassgebend sein, sich etwas anzutun. Sprache ist mächtig, Berichterstattung ist es auch. Falsche, sensationsträchtige Suizidberichterstattung kann Leben kosten. Richtige, verantwortungsvolle Berichterstattung kann Leben retten.

Vermieden werden sollten Schlagzeilen auf dem Cover, eine emotionale Sprache, Interviews mit willkürlich aus allen Ecken gezerrten Augenzeugen und Experten, ein Rätseln über mögliche Motivationen, Spekulationen -all das kann eine Nachahmung wahrscheinlicher machen. Je mehr Details beschrieben werden, desto größer wird eine mögliche Identifikation und desto schlechter ist die Vorbildwirkung des Textes. Insbesondere, wenn man in einer ähnlichen Situation steckt, denn dann kann der Eindruck vermittelt werden, dass es keinen anderen Weg als den Suizid als Ausweg gibt.

In der Suizidberichterstattung können Berichte über Hilfsangebote, Auswege aus der Krise, Gespräche mit Betroffenen, die Unterstützung gesucht und erhalten haben, eine ermutigende Botschaft sein. Berichte über Todesfälle durch Suizid sind möglich, ohne weitere Suizide auszulösen - wenn die Medienrichtlinien beachtet werden. Für Menschen, die an Suizid denken und auch für jene, die mit Menschen zu tun haben, die über Suizid reden, ist es nämlich wichtig, dass Suizidalität nicht tabuisiert und verschwiegen wird, sondern dass informiert wird.

Ein Drittel aller Reaktionen, die ich heute auf mein Buch erhalte, kommen von Menschen, die schreiben, sie hätten selbst an Suizid gedacht. Dann haben sie das Buch gelesen, und nun reden sie mit ihrer Familie und suchen sich Hilfe. Warum? Weil sie sich nicht hätten vorstellen können, welchen Schmerz ein Suizid hinterlässt und wie viele Menschen er betrifft, denn nicht nur die Familie, auch Freunde und Bekannte bleiben mit Fragen zurück. Und sie alle wissen nicht, wie und mit wem sie über Suizid reden können.

Dabei ist Suizid kein Randthema. Weltweit tötet sich alle vierzig Sekunden ein Mensch selbst. Suizid ist die zweithäufigste Todesursache unter den 15-bis 29-Jährigen. Suizidversuche sind noch vielfach häufiger. Und ältere Männer sind besonders stark suizidgefährdet. Nicht darüber zu schreiben, löst gar nichts. Unkundig und uninteressiert, unsensibel, nur auf Sensationslust aus darüber zu schreiben, verletzt Menschen und kann im schlimmsten Fall zur Nachahmung führen. Richtig darüber zu schreiben, kann Hoffnung geben und Menschen dazu bringen, sich zu öffnen.

Suizidberichterstattung kann eine Chance sein. Eine Chance, den Platz und die Aufmerksamkeit, die Sensibilisierung zu nutzen, um Positives zu bewirken. Um von Menschen zu erzählen, die Krisen überwunden haben. Um Fehler im System anzusprechen. Um Hilfe aufzuzeigen. Um Menschen Mut zu machen. Ich habe öfters von Qualitätsmedien tadelnd mitgeteilt bekommen, sie würden über mein Buch nicht berichten, weil sie generell nicht über Suizide berichten. Diese vermeintlich hehren Vorsätze gehen über Bord, wenn der nächste Prominente sich tötet. Natürlich berichten sie. Warum auch nicht? Schweigen ist sowohl unmöglich als auch keine Lösung. Es geht darum, an jene Leser zu denken, die sich mit demjenigen identifizieren, der gestorben ist. Was kann Mut machen? Dafür sind solche Richtlinien wie jene des Kriseninterventionszentrums oder der Weltgesundheitsorganisation da. Und jeder Journalist trägt die Verantwortung, sie zu kennen. Es wird nie keine Suizide mehr geben -aber manchmal kann man einen Unterschied machen. Gute Berichterstattung kann das. Und dann kann sie Leben retten.

Zur Person
Saskia Jungnikl, 36, ist Autorin und Journalistin. 2014 veröffentlichte sie das Buch "Papa hat sich erschossen" (S. Fischer), in dem sie den Tod ihres Vaters literarisch aufarbeitet. Unlängst erschien ihr zweites Buch, "Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden" (S. Fischer), wo sie erfahren hat, wie unsere Gesellschaft mit den Themen Tod und Trauer umgeht und in einer Reise über Gespräche etwa zu Religion, Zeit, Freundschaften, Leben im Alter oder Philosophie vor allem etwas über lebenswertes und schönes Leben gelernt hat.

Hilfe im Krisenfall

Berichte über Suizide können bei Personen, die sich in einer Krise befinden, die Situation verschlimmern. Die Psychiatrische Soforthilfe bietet unter 01/31330 rund um die Uhr Rat und Unterstützung im Krisenfall. Die österreichweite Telefonseelsorge ist ebenfalls jederzeit unter 142 gratis zu erreichen.

Wenn Sie Suizidgedanken haben, sich um jemanden sorgen oder jemanden durch Suizid verloren haben, finden Sie Hilfsangebote aus ganz Österreich unter:

www.suizid-praevention.gv.at
www.bittelebe.at

Medienempfehlungen zur Berichterstattung finden Sie unter:
http://www.kriseninterventionszentrum.at/medienberichterstattung.htm