Ausgespielt von

Die Strafakte Sanel Kuljic

Bundesliga-Wettskandal: Er rannte für Österreich. Jetzt rennt er um seine Existenz.

Sanel Kuljic © Bild: APA/Robert Jäger

Er war Torschützenkönig, lief 20 Mal im Nationalteam auf. Jetzt sitzt er in U-Haft. Als mutmaßlicher Pate der Wettmafia. In einem Spiel aus Gewalt, Erpressung und Betrug.

Als der Platzwart des Kapfenberger Franz-Fekete-Stadions am 26. Oktober 2012 nach der Zweitliga-Partie SV Kapfenberg gegen TSV Hartberg das Fluchtlicht runterdrehte, verglühte auch unten im muffigen Kabinentrakt ein Star: Sanjel Kuljic.

Soeben hatten Sanitäter den damals 35-jährigen Kapfenberg-Stürmer auf der Krankenbahre vom Rasen getragen. Kreuzbandriss und Seitenbandriss im rechten Knie - das abrupte Ende einer schillernden Karriere. Der schleichende Beginn einer neuen, dunklen.

"Ich wollte an sich weiter spielen, aber in meinem Alter ist es als verletzter Spieler schwer, wieder Anschluss zu finden“ , resümiert Kuljic, der in Hallein geborene Sohn eines bosnischen Einwanderers und einer gebürtigen Österreicherin, im Rahmen seiner polizeilichen Einvernahme bitter. Vor gut einem Jahr saß er zumindest noch auf der Ersatzbank. Doch seit vergangenem Freitag sitzt er in Untersuchungshaft.

Die Akte Sanel Kuljic ist mittlerweile ein 400 Seiten starkes Konvolut, NEWS liegen exklusiv die Vernehmungsprotokolle vor. Ihnen entstammen sämtliche kursiv gesetzten Zitate.

Schwere Erpressung und Nötigung legt die Salzburger Staatsanwaltschaft Kuljic zur Last. Und versucht, seine Verbindung zur internationalen Wettmafia nachzuweisen. Doch Kuljic selbst beteuert konsequent seine Schuldlosigkeit.

Im Doppelpass-Spiel mit einem mutmaßlichen Komplizen, dem einschlägig vorbestraften Tschetschenen Sulim D., 32, soll Kuljic dem nunmehr suspendierten SV-Grödig-Verteidiger Dominique Taboga, 31, im großen Stil Geld abgeknöpft und ihn mit brachialem Nachdruck Spielmanipulationen nahegelegt haben. So nachhaltig, dass der knochenharte Verteidiger in seiner Verzweiflung sogar an Selbstmord dachte.

Schnelles Geld, fette Zinsen

Die brutale Handschrift der internationalen Wettmafia oder bloß ein kleines Missverständnis zwischen einem Geldgeber und seinem Schuldner? Taboga, sagt Kuljic gegenüber den Ermittlern, sei "ein Freund“ , den er seit zehn Jahren kenne. "Taboga hat mich öfter gefragt, ob ich ihm Geld leihen könne. Ich fragte ihn, wieviel er benötigte. Er nannte mir die Summe 65.000 Euro. Ich habe es mir überlegt und ihm im Endeffekt die Summe geliehen.“ Ausgemachte Zinsen laut Kuljic: 1.500 Euro. Pro Monat.

Taboga selbst, der seinen Monatslohn beim Provinzklub Grödig mit 4.000 Euro beziffert, empfindet den angeblichen Cash-Deal allerdings weit weniger karitativ. Niemals, beschwört Taboga, habe ihm Kuljic eine so hohe Summe geborgt. "Vielmehr forderte Kuljic von mir, 70.000 Euro als Wiedergutmachung zu zahlen, da ansonsten meiner Familie etwas passieren werde.“

Wiedergutmachung? Wofür? -Taboga schildert ein Treffen zwischen ihm, Kuljic und dessen mysteriösem tschetschenischen Begleiter Sulim D.: "Nach wenigen Minuten sagte mir Kuljic, dass er ein gutes Angebot für mich habe, wobei ich gutes Geld verdienen könnte. Auf meine Frage, worum es sich dabei handelt, erklärte er mir, dass ich das Meisterschaftsspiel Grödigs gegen den SV Lustenau manipulieren solle.“

Einen Stapel 500-Euro-Scheine habe Kuljic-Komplize Sulim D. dem verdatterten Taboga vor die Nase gehalten, 20.000 Euro als Anzahlung angeboten, 50.000 als Gesamthonorar versprochen. Doch er, Taboga. sei standhaft geblieben. "Kuljic sagte zu mir, dass es ein riesiger Fehler gewesen sei, nicht auf das Angebot einzusteigen und dass ich sie jetzt richtig kennenlernen werde.“

Ob er Taboga gedroht habe, ihn unter Druck gesetzt habe, wollen die Ermittler von Kuljic wissen. "Ich habe nicht wirklich gedroht, aber oft beschimpft, zumeist am Telefon. So oft habe ich ihn ja nicht gesehen. Ich habe ihm nie etwas angetan oder gedroht.“

Nur beschimpft oder, wie Taboga behauptet, gar mit einem Kubotan, einer asiatischen Schlagwaffe, attackiert? Nur verbaler Sturmlauf oder krimineller Kick? - Wie tief Kuljic tatsächlich in die Milliardengeschäfte der Wettmafia verstrickt ist, hat nun die Justiz zu klären. Doch wie er, der gefeierte Goalgetter, überhaupt in deren düsteren Dunstkreis geraten konnte, erklärt sich aus einem brutalen Bruch in seiner Biographie.

Der zerronnene Luxus

Torschützenkönig in der heimischen Liga. 20 Spiele und drei Tore in der Nationalmannschaft. 50.000 Euro netto pro Monat bei Austria Wien, die sich damals noch in Stronachs Millionen suhlte. Schneeweiße Traumvilla in Franks Reichen-Resort Fontana, vor dem Haus das satte Grün des Golfplatzes und das friedvolle Plätschern künstlicher Wasserfälle. Ein Leben im Luxus-Idyll, das bei sorgsamer Finanzplanung ein unbeschwertes Leben bis ins hohe Alter garantiert hätte. Das war die erste Halbzeit.

Die zweite: schwere Verletzungen, ein Körper, der vom sicheren Kapital zur chirurgischen Großbaustelle wird, plötzlich ein Leben von 1.100 Euro Arbeitslosengeld. Sorgepflicht für eine Frau und zwei Kinder, Betriebskosten und Miete für ein Reihenhäuschen in der Vorstadt. Fixkosten, die seine AMS-Bezüge deutlich übersteigen. Kurzum, ein Mann, der in seiner glamourösen Vergangenheit lebt, laut Wegbegleitern und Freunden immer wieder monströse Spielschulden anhäuft und nicht an die Zukunft denkt. "Bei der Festnahme wurden zwei Ecstasy-Tabletten sichergestellt,“ vermerken die Ermittler lapidar.

Im Strafraum der roten Zahlen

Kuljic ist notorisch pleite, laut Bezirkshauptmannschaft Baden hat er derzeit sogar zu wenig für einen Privatkonkurs. Als er beim SV Ried anheuert, versucht Klubchef Peter Vogel noch, "von Beginn an ein finanzielles Korsett zu schnüren, damit er seine Probleme schnell in den Griff bekommt“. Umsonst. Später, beim SC Wiener Neustadt, stehen bald wieder an die 25 Gläubiger vor der Tür. Das Klubmanagement handelt für Kuljic eine Schuldenregulierung aus, doch nach etwa einem halben Jahr quittiert der alternde Star die Vereinbarung - und verrennt sich immer tiefer im Strafraum der roten Zahlen.

Alle, wirklich alle in der Szene wissen, dass Kuljic viel mehr Geld braucht, als er einnimmt. Auch die ehrenwerte Gesellschaft, die immer wieder willfährige, finanziell schwer angeschlagene Mittelsmänner für ihre minutiös geplanten Spielmanipulationen anwirbt.

Auch die großen Wettpaten mit den mystischen Decknamen "Allex, der Tschetschene“, "der Araber“ oder "der Italiener“, die in den Wiener Wettcafes Hof halten und nicht allzu tief in die Portokasse greifen müssen, um einmal schnell 40.000 Euro auf einen überraschenden Spielausgang oder ein paar Tausender auf einen manipulierten Elfmeter zu setzen.

Auch der Tschetschene Sulim D., der laut Polizeiakt zu einer Art Geldeintreiber für Kuljic wird. "Ende 2012 oder Anfang 2013 habe ich ihn in einem Wettbüro kennengelernt“ , erinnert sich Kuljic bei seiner Vernehmung. "Vor etwa drei Monaten haben wir uns dann einmal unterhalten. Jeder hat so von seinen Problemen erzählt. Dabei habe ich dann von meinen Problemen mit Dominique erzählt, nämlich dass er mir Geld schuldet und immer nur in geringen Raten unregelmäßig zahlt. Ich weiß heute gar nicht mehr, ob mir Sulim angeboten hat, dass er mir helfen könne oder ob ich ihn gefragt habe, ob er mir hilft.“

Der mysteriöse Tschetschene

Egal wer den ersten Schritt machte, es ist Sulim D., der Kuljic-Bekannte, der den Grödiger Kicker Dominique Taboga mit den Köpfen der Wiener Wettmafia zusammenführt, ein Treffen in einem Wiener Wettlokal einfädelt, wo der klamme Taboga versichert, er würde im Match zwischen Grödig und Salzburg einen Elfmeter verschulden. Ein Versprechen, das er nicht einhalten kann, weil der Schiedsrichter seine Blutgrätsche in der Nachspielzeit einfach nicht als Foul anerkennen wollte …

Und es ist auch Sulim D., der Kuljic-Bekannte, der bereitwillig ausrückt, wenn Taboga wieder einmal nicht zahlen will oder kann. "Ich komme aus Tschetschenien, und jeder denkt, dass wir mächtige Leute sind. Das habe ich dem Dominique auch gesagt. Es war aber keine Einschüchterung oder Drohung. Ich habe aber gesehen, dass der Dominique Angst hatte, und er fing wieder an zu bezahlen.“

Doch nicht immer nutzten so wohlmeinende Worte, Kulics’ mutmaßlicher Mann fürs Grobe konnte auch anders - was die von der Polizei sichergestellten Droh-SMS an Taboga eindrucksvoll belegen: "Mann, sagst du mir, wie soll das gehen?“ ereiferte er sich. "Hast du Geld oder nicht? Wen du hast das nicht du bist im arsch mann. Du weis schon, ich habe alles mögliche getan dir zu helfen. Aber du bist unkorekte, respektlose mensch.“ Oder: "Du bist erledigt. verschtest du nicht …?“

Da erst verstand Dominique Taboga - dass es für ihn keinen Ausweg aus dem Abseits mehr gab. Dass es nun an der Zeit sei, sich zu stellen. "Kann jetzt nicht, reden wir am Parkplatz“, lässt er Sulim D. noch per SMS wissen. Doch da liest längst schon die Polizei mit.

Sulim D. und Sanel Kuljic werden am 12. November mitten auf einem Parkplatz in der Salzburger Vorstadt verhaftet. "Ich habe mit Wettbetrug, der Wettmafia, sofern es eine gibt, oder Wettmanipulation nichts zu tun“ , gibt Sanel Kuljic kurz darauf zu Protokoll.

Kommentare