Westen empört über Politkowskaja-Mord:
USA wollen sofort Aufklärung von Russland

Kritik an Putin: Immer mehr Journalisten als Opfer Getötete Regierungskritikerin suchte Zuflucht in Wien

Westen empört über Politkowskaja-Mord:
USA wollen sofort Aufklärung von Russland

Der Mord an der prominenten russischen Journalistin Anna Politkowskaja hat international Bestürzung ausgelöst. Die USA zeigten sich schockiert über den Tod der preisgekrönten Reporterin, die in ihrem Wohnblock im Zentrum Moskaus erschossen aufgefunden wurde. Auch der Europarat und internationale Journalistenverbände reagierten entsetzt.

In Österreich zeigten sich der Koordinator des Südosteuropa-Stabilitätspaktes, Erhard Busek, und die außenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulrike Lunacek, erschüttert über den Mord. Busek sagte, die Regierungen in Europa und die zivile Gesellschaft im allgemeinen müssten "öffentlichen Druck" auf Moskau ausüben, damit nicht nur der Mord aufgeklärt, sondern auch die Sicherheit der Medien in Russland garantiert werde. Lunacek betonte, die russischen Behörden seien nun gefordert, "diesen Mord lückenlos aufzuklären".

Die Regierung in Moskau schwieg dagegen zum Tod der entschiedenen Kritikerin von Präsident Wladimir Putin. Die 48-Jährige hatte bereits wiederholt Morddrohungen erhalten und arbeitete ihrer Zeitung zufolge erneut an einem Bericht über Menschenrechtsverletzungen in der Krisenregion Tschetschenien.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben wegen Mordes. Ersten Erkenntnissen der Polizei zufolge wurde die Journalistin durch zwei Schüsse getötet, als sie gerade den Fahrstuhl in ihrem Haus verlassen wollte. Am Tatort seien eine Waffe und etliche Patronenhülsen gefunden worden. Der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika zog das Ermittlungsverfahren an sich. Wie die Nachrichtenagentur Interfax meldete, gingen die Ermittler in Moskau unter anderem von einer "tschetschenischen Spur" aus.

Die Leiche der zweifachen Mutter wurde in einem Krankenwagen abtransportiert. Eine Frau legte Blumen am Eingang des Appartementhauses nieder und lehnte weinend an der Wand.

"Wir wissen, dass sie Beweise und Fotos hatte"
Politkowskaja arbeitete für die Zeitung "Nowaja Gaseta", einem der wenigen unabhängigen Blätter in Russland. Ein anderes Tatmotiv als ihre kritischen Texte könne er nicht erkennen, sagte der stellvertretende Chefredakteur der Zeitung, Witali Jaroschewski. Zuletzt habe die Reporterin an einer Geschichte über Folter in Tschetschenien gearbeitet. Der Artikel habe am Montag erscheinen sollen, sei bei der Zeitung jedoch noch nicht eingegangen. "Aber wir wissen, dass sie Beweise und Fotos hatte." Der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow - Anteilseigner an dem Blatt - bezeichnete den Mord an der Journalistin gegenüber Interfax als "brutales Verbrechen".

Besonders harsche Kritik übte Politkowskaja an Putin, der am Tag ihres Todes 54 Jahre alt wurde und am Dienstag zu einem Besuch in Deutschland erwartet wird. "Ich mag ihn nicht wegen seines Zynismus', seines Rassismus' und seiner Lügen", schrieb sie in ihrem Buch "Putins Russland", das nur im Ausland veröffentlicht wurde. Wegen ihrer Reportagen geriet sie oft ins Blickfeld von Politikern und manchmal auch der Sicherheitsdienste.

Das US-Außenministerium und die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderten eine schnelle und gründliche Untersuchung der Tat. In Deutschland äußerte sich das Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, Marieluise Beck, entsprechend. Es müsse eine "radikale und schonungslose Aufklärung" geben, erklärte die Grünen-Politikerin.

Enorme Krise der Meinungsfreiheit
Der Europarat nannte den Mord "eine enorme Krise der Meinungsfreiheit und der Sicherheit für Journalisten in Russland." Eine Sprecherin des Komitees zum Schutz von Journalisten sagte in New York, Politkowskaja sei eine mutige Reporterin gewesen, die wiederholt ihr Leben riskiert habe. Ein Vertreter von Reporter ohne Grenzen in Paris erklärte, Russland sei ein Land, in dem Gewalt gegen Medienleute ausgeübt werde.

Politkowskaja wurde als Tochter eines Sowjet-Diplomaten aus der Ukraine in New York geboren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wechselte sie von den staatlichen Medien in die unabhängige Presse, die unter Gorbatschow aufblühte. Ihre Zeitung war vor allem bei Liberalen und Menschenrechtsaktivisten beliebt. Politkowskajas Berichterstattung über das Geiseldrama von Beslan wurde nach ihren Worten durch eine Vergiftung verhindert, die sie sich bei einer Tasse Tee auf dem Flug in die Kaukasus-Region zuzog.

Die Reporterin war auch Unterhändlerin bei der Geiselnahme in einem Moskauer Musical-Theater durch tschetschenische Rebellen vor vier Jahren. Im vergangenen Jahr hatte sie den Leipziger "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" erhalten. Im September war sie zu einem Diskussionsforum von Menschenrechtlern, Umweltschützern und Künstlern in Berlin eingeladen. Aus Termingründen sagte sie aber ab.

(apa/red)