Unsichtbare Gefahr von

Wie gefährlich ist das
West-Nil-Fieber für uns?

Unsichtbare Gefahr - Wie gefährlich ist das
West-Nil-Fieber für uns? © Bild: Shutterstock.com

24 Menschenleben hat das West-Nil-Virus heuer bereits in Griechenland gefordert. In Serbien waren es 29, in Italien gar 35. Und auch in Österreich wurden bereits Infektionen gemeldet. Wie gefährlich ist das West-Nil-Fieber für uns?

Die Zahlen sind alarmierend: 115 Menschen erlagen seit Anfang des Jahres in Europa dem West-Nil-Fieber, wie aus einem Bericht des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hervorgeht. In Österreich waren bis dato 24 Infektionsfälle bekannt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Ein Novum ist das allerdings nicht, wie Prof. Dr. Horst Aspöck vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien weiß.

"Schon in den Jahren 1973 und 1982 gab es umfangreiche Untersuchungen an Zugvögeln im Gebiet des Neusiedler Sees", erinnert sich der Experte. Damals kam man zu dem Schluss, dass das West-Nil-Virus regelmäßig nach Mitteleuropa und auch nach Österreich eingeschleppt wird. Heute weiß man, dass Zugvögel bei der Verbreitung eine wesentliche Rolle spielen, sorgen sie - einmal infiziert - bei ihrer Reise doch dafür, dass das Virus von einem Land ins nächste gelangt.

So wird das West-Nil-Virus übertragen

Als Überträger - und damit als wichtigstes Glied in der Infektionskette - fungieren aber Stechmücken, allen voran die Gemeine Stechmücke, im Fachjargon Culex pipiens genannt. Sie saugt in erster Linie das Blut von Vögeln, hie und da jedoch auch das des Menschen, wodurch es zur Ansteckung kommen kann. "Das West-Nil-Virus greift vorwiegend unter Vögeln. Der Mensch ist kein zentraler Wirt, was aber nicht heißt, dass er nicht auch infiziert werden kann", erklärt der Professor für medizinische Parasitologie.

© Wikimedia/Urmas Tartes Die Gemeine Stechmücke (Culex pipiens)

Rund 80 Prozent der Infektionen verlaufen beim Menschen ohne Symptome. "Vielleicht ist man etwas müde, hat erhöhte Temperatur", so Aspöck. "Nach vier, fünf Tagen ist das aber wieder weg." Bei 20 Prozent zeigen sich weit deutlichere Krankheitserscheinungen. Der Betroffene leidet an Abgeschlagenheit, Muskel-, Glieder- und Kopfschmerzen. Gelegentlich wird die Infektion auch von Magen-Darm-Beschwerden oder einem fleckigen Ausschlag begleitet. "Im Vordergrund steht aber das Fieber. Daher auch der Name des Virus", erklärt der Experte.

So äußert sich die Infektion

Die Symptome treten in der Regel drei bis 14 Tage nach dem Stich einer infizierten Mücke auf. Im Schnitt dauert es ein bis drei Wochen, bis sie wieder verschwunden sind. Ebenso wenig wie eine Impfung gibt es ein Medikament gegen das West-Nil-Fieber. Man kann nur abwarten und sollte jegliche Anstrengung meiden. Bei rund einem Prozent der Betroffenen befällt das Virus das Zentralnervensystem. Mögliche Folgen sind eine Gehirnhaut- oder eine Gehirnentzündung, die wiederum zu bleibenden Behinderungen, im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen kann.

»Es kann jeden erwischen«

In Österreich gab es noch keinen Todesfall infolge einer Infektion mit dem West-Nil-Virus. "Das heißt aber nicht, dass wir hier sicher sind", warnt der Parasitologe. Besonders gefährdet sind ältere oder von einer Krankheit geschwächte Menschen, sowie solche, deren Immunsystem supprimiert, sprich krankheitsbedingt unterdrückt ist. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Infektion einen schweren oder tödlichen Verlauf nimmt, ist hier um vieles größer." Prinzipiell könne es, so der Experte, aber jeden erwischen.

Was tun bei Infektionsverdacht?

Die Inkubationszeit beträgt rund eine Woche. Manchmal können zwischen Stich und Ausbruch der Krankheit aber auch nur zwei Tage oder ganze zwei Wochen vergehen. Besteht der Verdacht einer Infektion, ist Abklärung angesagt. Als mögliche Anlaufstelle nennt Aspöck das Zentrum für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Die für die Diagnose notwendige Blutuntersuchung könne man aber auch im Zuge eines Besuchs beim praktischen Arzt in die Wege leiten.

Eine Gefahr, dass sich das West-Nil-Virus hierzulande ausbreitet, sieht der Experte nicht. "In Österreich wurden seit 2009 nur 36 Fälle diagnostiziert." Dass sich das Blatt aber jederzeit wenden kann, hat sich vor nicht einmal 20 Jahren in Amerika gezeigt. 1999 ist das Virus in New York aufgetaucht. "Im Nu hat es sich über große Teile Nordamerikas bis nach Südamerika verbreitet." Tausende Menschen wurden infiziert, viele hundert starben. "Das war und ist ein großes medizinisches Problem."

Das Virus wird sich weiter ausbreiten

In Europa grassiert das West-Nil-Virus derzeit vor allem in den südlicheren Ländern. Man kann jedoch davon ausgehen, dass es sich in nicht allzu ferner Zukunft weiter in Richtung Norden ausbreiten wird. Schuld daran ist nicht zuletzt der Klimawandel. Je höher nämlich die Umgebungstemperatur, desto kürzer die sogenannte äußere Inkubationszeit, also die Dauer, bis eine infizierte Stechmücke die Viren an Mensch oder Tier weitergeben kann.

»Das war und ist ein großes medizinisches Problem«

"Das Virus muss sich erst in der Stechmücke vermehren, bevor es in die Speicheldrüsen aufgenommen und über den Speichel ausgeschieden wird", erklärt Aspöck. Während dieser Prozess bei einer Umgebungstemperatur von 18 Grad 32 Tage dauert, sind es bei 30 Grad nur noch 15 Tage. Schreitet die Erderwärmung demnach weiter voran, ist nicht auszuschließen, dass das Virus über kurz oder lang auch in jenen Regionen der Erde auftaucht, wo es bis dato noch nicht nachgewiesen werden konnte, wie zum Beispiel in Skandinavien.

So kann man sich schützen

Alles in allem kein Grund zur Panik, entwarnt Aspöck. Anderseits sollte man diese Thematik aber auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Personen, die aufgrund ihres Alters, einer Erkrankung oder eines geschwächten Immunsystems anfälliger für eine Infektion sind, sollten Orte, an denen sich besonders viele Stechmücken tummeln, meiden. Ebenso wenig empfiehlt es sich, mit kleinen Kindern während der Gelsensaison einen ausgedehnten Spaziergang etwa an einen Badeteich zu unternehmen.

Zudem rät der Experte zur Verwendung von Repellentien. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe, die - meist über den Geruchssinn wahrgenommen - eine abschreckende Wirkung auf Mücken haben. Wer auf Nummer sicher gehen will, wählt ein Produkt, das Diethyltoluamid, kurz Deet, oder Icaridin beinhaltet. "Bei diesen beiden Substanzen ist die Wirksamkeit bewiesen", ergänzt Aspöck, dem zufolge man auch das Gewand einsprühen sollte. Hier empfiehlt er jene Mittel, die auf dem Insektizid Permethrin basieren. Von sogenannten Bio-Repellentien rät er dagegen entschieden ab.