Werben um die Liebste von

Wie wär's mit Fensterln?

In Tirol findet man die wagemutige und romantische Brautwerbung noch

Werben um die Liebste - Wie wär's mit Fensterln? © Bild: Corbis

Sie warten bis die Sonne untergeht, um im Schatten der Nacht heimlich zu ihrer Liebsten hoch zu klettern: Das "Fensterln" gehörte in heimischen Bergregionen jahrhundertelang zum gelebten Brauchtum. Bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts konnte man durchaus noch stramme Burschen zu ihren Angebeteten kraxeln sehen, meinte die Leiterin des Innsbrucker Volkskundemuseums, Herlinde Menardi. "In Resten lebt die Tradition noch", so die Expertin.

Wann es begann, dass des nächstens der Balkon der Liebsten erklommen wurde, steht nicht ganz fest: "Aufzeichnungen finden sich vor allem in Gerichtsakten, wenn beispielsweise Eltern den Verehrer der Tochter angezeigt haben" erläuterte die Tiroler Volkskundlerin. Das alpenländische Phänomen, das sich zwischen Bayern, Österreich und der Schweiz großer Beliebtheit erfreute und unter diversen Namen bekannt ist, wurde im Laufe der Geschichte recht unterschiedlich gehandhabt.

Die Varianten des Fensterlns
Das Fensterln variierte zwischen harmlosen nächtlichen Sympathiebekundungen im Kreise mehrerer Freunde, die von Haus zu Haus zogen und vor allem unterhalb der Balustrade mit Gstanzln beeindrucken wollten, bis hin zu eindeutigen körperlichen Annäherungsversuchen, die durchaus mit einer Übernachtung und anschließender Zwangsheirat aufgrund einer solcherarts entstandenen Schwangerschaft enden konnte.

Anzeigen gegen "Störenfriede"
Wer denkt, dass Zugang und Akzeptanz zum Fensterln immer liberaler wurden, irrt; richtig "heimlich" ging man beispielsweise vor allem im 19. Jahrhundert vor. "Damals hat in Tirol die Jesuitenmission viel zur Moralisierung der Geschlechterrollen beigetragen", schilderte Menardi. Je nachdem, wie bigott Zeit und Gegend jeweils waren, wurde gegen die nächtlichen Störenfriede mehr oder weniger aktiv vorgegangen. Die letzten Anzeigen kamen jedenfalls in erster Linie von Touristen.

Leiter, Nacht und Nebel
Beim Fensterln konnte durchaus auch einiges schiefgehen: Halsbrecherische Klettermanöver, eine Verwechslung der Schlafgemächer, überfürsorgliche Väter oder auch eifersüchtige Widersacher, die die Aufstiegshilfe heimlich entfernten, machten so manchem liebestollen Alpenländer einen Strich durch die ansonsten recht einfache Rechnung. Das Ziel war jedenfalls die Eroberung der Liebsten durch das Erklimmen des Balkons bzw. ungestörte Zweisamkeit zwecks Kennenlernens, das in erzkonservativen Kreisen anderorts kaum möglich war. Da vor allem in Bauernhäusern traditionell das Schlafgemach der Tochter - und teilweise auch der Mägde - im ersten Stock zu finden war, kamen "gewiefte" Burschen spätestens im 16. Jahrhundert auf die Idee, Leiter, Nacht und Nebel zu nutzen, um die Gunst der holden Maid zu freien. Etwa ab diesem Zeitpunkt lässt sich der Brauch nachweisen, er dürfte aber schon viel früher gepflegt worden sein.

Wer seine "Fensterlkünste" selbst unter Beweis stellen möchte hat im kommenden Sommer wieder die Möglichkeit: am 14. und 15. Juli findet im Tuxer Hotel Bergfriedalm zum dritten Mal "Zillertaler Fensterlmeisterschaft" statt.

Weiterführender Link
Zillertaler Fensterlmeisterschaft
Innsbrucker Volkskundemuseum