Leben von

Wer sind sie?

Susanne Zobl über Florian Zellers Drama „Vater“ an den Kammerspielen

Erwin Steinhauer © Bild: Moritz Schell

Florian Zeller ist einer der gefragtesten jungen Dramatiker Frankreichs. Sein Stück „Vater“ zeigt weshalb. Darin erzählt er vom Kampf eines an Alzheimer Erkrankten gegen das Vergessen. Erwin Steinhauer brilliert in der Titelrolle. Alexandra Liedtke inszenierte famos.

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Die eigene Tochter erscheint ihm wie eine Fremde. Mit „Wer sind Sie?“ spricht er Menschen an, die er täglich sieht. Am Ende ringt er mit der eigenen Identität. Von Pflegerinnen fühlt er sich ständig bedroht, bestohlen, betrogen. André ist nicht mehr er selbst. In manchen Momenten weiß er um die Lücken in seinem Gedächtnis, wirkt klar und hellwach. Doch die Dunkelheit senkt sich wie ein unabwendbarer Schleier um seinen Verstand.

Erwin Steinhauer zeigt André als einen Typen, den man vulgo ein „gestandenes Mannsbild“ nennen würde. André steht Mitten im Leben. Kraftvoll, charmant, aber auch mit den Allüren eines Machos tyrannisiert er seine Tochter und seine Pflegerinnen. Und das gibt der Rolle eine unfassbare Kraft. Alzheimer verbindet man oft mit zitternden Greisen, die nicht mehr auf eigenen Beinen stehen können. Florian Zeller zeigt, es kann jeden treffen, jederzeit. Man erfährt, dass die Lieblingstochter dieses Mannes bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, wie und wann erfährt man nicht. Ob der Schock die Krankheit ausgelöst hat, der Vater sich ins Vergessen flüchtet, worin sein Geist mehr und mehr verschwindet, lässt das Stück offen. Und das scheint auch nicht wichtig.

Verständnis für Erkrankte

Denn Florian Zeller geht es offensichtlich um etwas Anderes, nämlich Verständnis für an Demenz erkrankte Menschen zu erreichen. Und das gelingt ihm in knappen Szenen, indem die Rollen der Tochter und des Schwiegersohns umbesetzt werden. War eben noch Gerti Drassl als Ann auf der Bühne, steht in der nächsten Szene Therese Lohne vor dem Mann, die Frauen tragen ähnliche Kostüme, wiederholen Sätze, widerlegen Besprochenes.

Raimund Orfeo Voigt hat für Alexandra Liedtkes präzise, eindringlich-eindrucksvolle Inszenierung ein ideales Bühnenbild aus transparenten Plastikwänden geschaffen. Liedtke zeigt eine scharfe Analyse einer zerstörten Psyche, die sich im diffusen Licht der Wände verlieren.

Gespielt wird ausgezeichnet. Gerti Drassl zeigt realistisch, ohne übertriebene Hysterie, wie die Krankheit des Vaters auch das Leben der Tochter zu zerstören droht. Von Therese Lohner, Martin Niedermair, Eva Mayer und Oliver Huether lässt sich nur Bestes berichten.

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