Wenn Wunden sich nicht schließen wollen - Wiederentdeckung alter Therapieformen

Wenn Wunden sich nicht schließen wollen - Wiederentdeckung alter Therapieformen © Bild: HGZ Bad Bevensen

Bereits heute leiden zwei bis drei Prozent der deutschen Bevölkerung an chronischen Wunden. "Im Zuge der Überalterung wird dieser Anteil noch deutlich zunehmen", befürchtet die Hamburger Hautärztin Professor Dr. med. Ingrid Moll. Neue und effektivere Formen der Wundbehandlung würden daher dringend benötigt, so die Direktorin der Klinik für Dermatologie und Venerologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In der Fachzeitschrift "Aktuelle Dermatologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) gibt sie einen Überblick darüber, welche neuen Wege die Medizin derzeit bei der Behandlung chronischer Wunden beschreitet.

Um zu verstehen, warum aus einer Wunde ein Geschwür wird, haben Mediziner und Biologen in den vergangenen Jahren detailliert untersucht, welche Unterschiede zwischen einer spontan heilenden und einer chronischen Wunde bestehen. Wie man heute weiß, herrscht in den beiden Wundentypen ein deutlich unterschiedliches Milieu: Nach einer ersten Phase der Entzündung und Reinigung sinkt die Menge an entzündungsfördernden Botenstoffen in spontan heilenden Wunden rasch ab. Auch eiweißspaltende Enzyme, sogenannte Proteasen, die zu Beginn benötigt werden, um Zelltrümmer aufzulösen, sind nach kurzer Zeit nur noch in geringer Menge vorhanden.

Sogar gesundes Gewebe wird angegriffen
Chronische Wunden bleiben dagegen offenbar in der ersten Phase der Entzündung und Reinigung stecken: Das entzündungsfreundliche Milieu bleibt bestehen, die Proteasen bleiben aktiv und beginnen, selbst das gesunde, umliegende Gewebe anzugreifen. In der Folge verstärkt sich die Entzündungsreaktion weiter. Zu allem Überfluss bauen die Proteasen auch wichtige Wachstumsfaktoren ab, welche die Haut zu ihrer Regeneration benötigt.

Möglicherweise wird dieser Teufelskreis durch abgestorbene Zellen und Gewebereste in der Wunde vorangetrieben. Die gründliche Entfernung dieses Zellmülls ist daher ein zentraler Punkt bei der Versorgung chronischer Wunden. Ein recht gewöhnungsbedürftiger Weg der Wundsäuberung ist die so genannte Biochirurgie, die zwar schon vor rund 80 Jahren entwickelt wurde, dann aber lange Zeit in Vergessenheit geriet.

Biochirurgie wiederentdeckt
Dabei werden Maden der Goldfliege (Lucilla sericata) auf die Wunde aufgebracht, welche sehr schnell und effizient abgestorbenes Gewebe auflösen und aufnehmen. "Belegte Geschwüre sind meist nach drei Tagen sauber", erläutert Ingrid Moll. Zudem reduzierten die Maden die Zahl schädlicher Keime in der Wunde und regten mithilfe noch unbekannter Wachstumsfaktoren die Wundheilung an.

Die Madenbehandlung ist jedoch meist mit erheblichen Schmerzen verbunden – ebenso wie andere, neu entwickelte Verfahren zur Säuberung chronischer Wunden. Beim Niederfrequenz-Leistungsultraschall etwa werden abgestorbene Gewebereste per Ultraschall gelöst und mit einem kontinuierlichen Wasserstrom fortgeschwemmt. Bei der Vakuum-Therapie dagegen wird ein Unterdruck an die Wunde angelegt, der Wundsekret, Zellreste und Bakterien durch ein Schwämmchen fortsaugt. All diese Therapieformen sind für den Patienten meist nur mithilfe von Schmerzmitteln zu ertragen.

Vieles noch nicht klinisch bewiesen
Die häufigste und bekannteste Form der chronischen Wunde ist das Unterschenkelgeschwür, das hauptsächlich ältere Menschen mit einer ausgeprägten Venenschwäche betrifft. Laien sprechen vom "offenen Bein", in der Fachsprache wird das Unterschenkelgeschwür als Ulcus cruris bezeichnet. Wie Professor Moll betont, beruhen alle neuen Entwicklungen zur Behandlung des Ulcus cruris auf der feuchten Wundbehandlung, bei der die Wunde mithilfe spezieller Wundauflagen vor dem Austrocknen geschützt wird. Zugleich werde versucht, das Wundmilieu zu normalisieren und so die Entstehung neuer Hautzellen zu fördern.

Viele der neuen Verfahren – wie etwa der Einsatz von Wachstumsfaktoren oder Entzündungshemmern, die Entwicklung neuer Wundauflagen oder die Transplantation von Haut- oder Knochenmarksstammzellen – seien zwar erfolgversprechend, hätten ihre Wirksamkeit aber meist noch nicht in klinischen Studien unter Beweis gestellt.

Quelle: Redaktion/I. Moll: Neue Entwicklungen in der Therapie des Ulcus cruris. Aktuelle Dermatologie 2008; 34 (6): S. 226 - 230