LEITARTIKEL von

Wenn Twitter zum Tribunal wird

Der Fall Pilz hat auch gezeigt, dass Journalismus mehr sein muss, als ein aufgeregtes Pingpong aus 140 Zeichen

LEITARTIKEL - Wenn Twitter zum Tribunal wird © Bild: Matt Observe

Peter Pilz zieht sich also halb aus der Politik zurück. Nach 48 Stunden Hin und Her entschließt er sich Montag also doch zum definitiven Rückzug aus dem Nationalrat, will aber als Berater seiner Bewegung in der Politik weiter mitmischen. Die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen, Frauen sexuell belästigt zu haben, sind der Grund dafür. Sein Rückzug ist folgerichtig für einen Mann, der sein ganzes Leben als investigativer Aufdecker der Nation die Speerspitze gegen Korruption und Missstände aller Art war. Er muss sich besonders gründlich mit dem auseinandersetzen, was geht und was nicht geht. Und einer Frau belästigend näherzutreten, geht gar nicht. Punkt. Aus. Eines ist fix: Seine weiße Weste ist weg.

Die Causa Pilz ist leider auch ein Beleg dafür, wie kritisch man Journalismus in diesem Land mittlerweile betrachten muss. Am Samstag erklärte Pilz in einer Pressekonferenz, er werde wegen Vorwürfen sexueller Belästigung sein Nationalratsmandat nicht annehmen. Was dann auf Twitter, dem Kurznachrichtendienst für die besonders Eitlen, abging, unterminiert jegliche journalistische Glaubwürdigkeit. Da werden Journalisten und Journalistinnen zu Aktivisten und Aktivistinnen und missverstehen ihren Job komplett. Anstatt Check, Recheck und Doublecheck anzuwenden, eine wohl nunmehr altmodische journalistische Tugend, werden die Säue durchs Dorf getrieben und Leute vorverurteilt, egal wie sie heißen. Aber hallo! Wo bleibt da die journalistische Gründlichkeit?

Die beim Journalistinnenkongress für ihr Lebenswerk ausgezeichnete goldene Medienlöwin Gabi Waldner sagte in ihrer Dankesrede zum Thema Twitter: "Journalisten sollten nicht plumpe Meinung machen, sondern ihren Job." Und die Chefin der Ö1-Journale wurde noch deutlicher: "Ego ausschalten und als das agieren, was wir sind: Dienstleister im sensiblen Gefüge der Demokratie." Danke, Gabi Waldner, für diese klaren Worte! Auch dass immer mehr Journalisten keinen Genierer haben, sich als Quasi-Lobbyisten für die eine oder andere politische Seite ins Zeug zu werfen, ist alles, nur nicht Journalismus.

Twitter als Tribunal zu verwenden, scheint mittlerweile salonfähig. Was Pilz gemacht hat, ist kein Kavaliersdelikt - wenn er es gemacht hat. Ihn dafür ohne stichhaltige Beweise sofort an den Pranger zu stellen, gab es am Samstag keinen Grund. Geschichten und Gegebenheiten einordnen, das ist unsere Aufgabe. Auch den Mächtigen auf die Finger schauen. Aber immer mit dem nötigen Respekt und der peniblen Recherche, die erfordert, mit den verschiedenen Seiten zu reden.

Das Geplapper auf Twitter und das Kundtun der eigenen Meinung zu jedem noch so unwichtigen Ereignis ist eines ernsthaften Journalismus nicht würdig. Abgesehen davon, dass man sich fragt, wann die Kollegen eigentlich für ihr Medium schreiben. Oder zahlt Twitter neuerdings ihre Gehälter? Hauptsache, wir sind alle wichtig.

Ein bisschen Slow Journalism würde nicht schaden. Nachdenken, überlegen, schreiben, das würde zu einer fundierten Analyse passen. Wenn dafür keine Zeit ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass Journalismus immer mehr unter Druck gerät. Dazu tragen die eilfertigen Twitteranten unter uns gehörig bei. Dagegen müssen wir uns wehren. Denn das Land braucht guten Journalismus jenseits von aufgeregten Plauderanten.

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