Wenn Quallen einen das Fliegen lehren:
Bionik beflügelt auch Österreichs Industrie

FORMAT: Unternehmen schauen von der Natur ab Österreichische Firmen reiten auf Bionik-Welle mit

Wenn Quallen einen das Fliegen lehren:
Bionik beflügelt auch Österreichs Industrie © Bild: FORMAT/Festo

Tierschützer wird Wolfgang Keiner dieses Mal wohl nicht mehr erzürnen. In wenigen Wochen präsentiert der Geschäftsführer des Automatisierungsunternehmens Festo auf der Wiener Industriemesse Vienna Tec ein elektrisch betriebenes Flugobjekt, das an eine Qualle erinnert. Das künstliche Tier ist eine Weltneuheit, denn es bewegt sich wie ein Fisch wellenförmig fort, was in der Luftfahrtgeschichte bisher unbekannt ist. Im Gegensatz zu einem jüngst von Festo vorgestellten Hightech-Rochen, der den echten Meeresbewohnern täuschend ähnlich sieht und damit kurzerhand Tierschützer zu Beschwerden veranlasste, ist die Luftqualle aber gleich auf den ersten Blick als technisches Konstrukt erkennbar.

In der Entwicklung des sogenannten AirJelly griff Festo, mit 1,65 Milliarden Euro Umsatz europäischer Marktführer, auf Prinzipien der Bionik zurück. Bionik, das ist das Lernen aus der Natur und die Umlegung auf technische Lösungen. Und diese Wissenschaft blüht derzeit wie nie zuvor: Alleine in Österreich gibt es bereits mehrere wissenschaftliche Einrichtungen wie das Joanneum Research und Universitätsinstitute an der TU Wien, der TU Graz und der Universität Wien, die sich der Bionik widmen. Auch in die Entwicklungsabteilungen heimischer Unternehmen hält die Natur immer öfter Einzug.

Gut vierzig Firmen wenden hierzulande bionische Prinzipien regelmäßig an. Vor allem in Industriebetrieben wie der Ziegelfabrik Leitl und dem Skihersteller Fischer sowie in Hightech-Betrieben wie dem Medizintechniker Otto Bock kommt Bionik zum Einsatz (siehe Kästen). Doch auch Design- und Architekturstudios, Management-Berater und Verkehrsplaner schauen sich Ideen aus der Natur ab. "Die Natur bietet viele großartige Dinge. Man muss nur hinsehen. Die Bionik ist eine junge Wissenschaft, doch sie hat Zukunftspotenzial", sagt Festo-Österreich-Geschäftsführer Wolfgang Keiner.

Ökologie steht auch Organisationsberatern Modell
Europaweit holt sich aber nicht nur die Industrie Inspiration aus der Ökologie, sondern auch Organisationsentwickler und Managementberater. Das Schweizer Malik Management Zentrum St. Gallen etwa überträgt bionisch-kybernetische Regeln auf das Management von Organisationen wie Unternehmen und Staaten. "Nachhaltig lebensfähige Organisationen funktionieren nicht nach den strengen Regeln eines Organigramms", erklärt Karl-Heinz Oeller, Leiter des Bereichs "Cybernetics & Bionics" des Malik Management Zentrums St. Gallen. Eine Grundregel aus der Natur: Ein System ist nicht gesund, wenn es nur von Wachstum abhängig ist. Im übertragenen Sinn bedeutet dies, dass ein Unternehmen, das ausschließlich davon lebt, immer mehr vom selben zu produzieren, bald nicht mehr funktioniert. "Diesen Punkt dürfen Unternehmen nicht übersehen", warnt Oeller.

Immer mehr Klein- und Mittelbetriebe verwenden bionische Prinzipien. In Österreich werden die Methoden der Natur - anders als in Deutschland, wo die Industrie dominiert - in der Medizintechnik, der Robotik und der elektronischen Datenverarbeitung genutzt. "Hierzulande arbeiten viele Branchen mit bionischen Methoden, auch Forschungseinrichtungen beschäftigen sich sehr stark mit dem Thema", erklärt Clemens Schinagl, von Joanneum Research und Präsident des kürzlich gegründeten Vereins Bionik Austria.

Mit neuen bionischen Produkten ist zu rechnen
Künftig könnten aber noch mehr Unternehmen in der Bionik tätig werden. "Wir rechnen damit, dass in den nächsten ein bis zwei Jahren mehrere Firmen, darunter sogar einige Klein- und Mittelbetriebe, eine Reihe neuer bionischer Produktentwicklungen herausbringen", sagt Andreas Blust, Bionik-Experte im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie.

Eine davon ist der südsteirische Möbelhersteller Viteo. Das Unternehmen arbeitet an einem extrem leicht gebauten Tisch. "Das Stück kommt nächstes Jahr auf den Markt. Mehr kann ich dazu noch nicht verraten", hüllt sich Firmenchef Wolfgang Pichler noch in Schweigen.

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