Weltreise von

Wem die Stunde schlägt

Kataloniens Unabhängigkeit

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Etwas zerzaust trat Kataloniens abgesetzter Regionalpräsident in Brüssel vor die Presse. Er sei in "Europas Hauptstadt" geflohen, weil er hier "Schutz und Freiheit" fände, sagte Carles Puigdemont, dem Spanien Rebellion vorwirft und mit bis zu 30 Jahren Haft droht. Dies ist eine weitere Episode aus einem nicht enden wollenden Schmierenstück im Herzen der EU. Ja, mitten in Europa, wo es keiner mehr für möglich gehalten hätte, dass man sich Sorgen machen muss, ob in einem Land bald ein Bürgerkrieg ausbricht. Dabei führt der Fall Katalonien treffend vor Augen, was passiert, wenn Politiker unverantwortlich, ja grob fahrlässig handeln, ihre Bürger aufstacheln, nur den eigenen Vorteil sehen und dabei von Anfang bis Ende keinen Plan haben.

Worum geht es eigentlich? Spaniens reichste Region will die Unabhängigkeit. Oder besser gesagt, deren regierende Politiker wollen sie. Denn keine einzige Umfrage brachte je eine Mehrheit für das Begehr. Trotzdem organisieren sie ein Referendum. Madrid verbietet es, sie halten es dennoch ab. Selbst die von Puigdemont eigens engagierten Wahlbeobachter aus dem Ausland attestieren dem Votum keine Gültigkeit. Hässliche Szenen prügelnder spanischer Polizisten nützen den Separatisten jedoch, da sie sich erstmals als ein von der Zentralmacht geknechtetes Volk inszenieren können. Die vielleicht 38 Prozent, die letztlich für die Unabhängigkeit von Spanien stimmten, reichen Puigdemont, um sie einen Monat später tatsächlich auszurufen. Und sich selbst danach rasch ins Ausland abzusetzen. Nicht jedoch, ohne zuvor ein aufgehetztes und gespaltenes Volk zurückzulassen.

Ein Fehler folgte auf den nächsten, bis hin zum Desaster -und das haben sich beide Seiten eingebrockt. Denn auch Spaniens sturer Premier Mariano Rajoy ließ jede Chance auf einen Kompromiss verstreichen. Dabei wäre die Sache vergleichsweise einfach, wie etwa das Beispiel Schottland 2014 zeigte. Fordert ein Volk mit klarer Mehrheit, sich vom Mutterland abzuspalten, dann macht es wenig Sinn, es aufzuhalten und einzusperren. Wenn jeder Versuch, es mit mehr Autonomie zu besänftigen, scheitert, ist nach einer zeitlichen Abkühlungsphase eine freie und faire Abstimmung zuzulassen und das Ergebnis mit allen Konsequenzen auch zu akzeptieren. Dass es zu all dem nicht kam, ist beiden Seiten gleichermaßen vorzuwerfen.

Nun werden die von Madrid angesetzten Wahlen in Katalonien am 21. Dezember eben zu einer Art Ersatzreferendum. Die Bürger sollten sich bis dahin klar werden, was sie wollen und welche Folgen das hat. Carles Puigdemont hingegen könnte sich von Ernest Hemingways Buch über den spanischen Bürgerkrieg inspirieren lassen. Dessen Titel: "Wem die Stunde schlägt".