Weltreise von

War da was?

Christoph Lehermayr über die jüngsten Parlamentswahlen in Griechenland

Christoph Lehermayr © Bild: Ian Ehn

Sie waren unsere Begleiter durch einen langen, heißen Sommer: Alexis Tsipras, Premier der Griechen und Held der Linken, dessen verwegener Finanzminister Varoufakis samt seinem Mittelfinger und deren gemeinsamer Plan eines anderen Europas. Wem das zu viel war und wer sich eher als Hüter hehrer Haushaltsdisziplin sah, fand im deutschen Finanzminister Schäuble seinen Helden. Es war ein Duell zwischen Passion, Pathos und Bankrott. Die klammen Griechen wurden schließlich in einer brutalen Brüsseler Nacht niedergerungen. Man zwang Tsipras, das Gegenteil dessen zu unterschreiben, was er seinem Volk beim Referendum eine Woche zuvor noch versprochen hatte.

Nun ist Herbst. Die gebündelte mediale Aufmerksamkeit folgt den Flüchtlingen. Und nur noch flüchtig tauchte der um seine Wiederwahl kämpfende Tsipras auf dem TV-Schirm auf: Am Sonntag, kurz vor dem Bericht vom Putsch in Burkina Faso. War da was?

Tsipras’ Fanboys und -girls sind längst weitergezogen. Und haben wohl im neuen Labour-Chef, dem Altlinken Jeremy Corbyn, schon eine neue Projektionsfläche gefunden. Selbst die Griechen sind ihrer Politik überdrüssig. Fast die Hälfte ging erst gar nicht zur Urne. Die, die’s taten, wiederholten das Wahlergebnis vom Jänner. Tsipras, auf den die politischen Nachrufe schon verfasst waren, blieb kraft seines Charismas deutlich Erster. Doch sein Sieg ist tragisch. Für ihn wie für uns. Denn was vor ihm liegt, hat nichts mit dem gemein, wofür er einst warb. Was ihm bleibt, ist die Rolle des Vollzugsbevollmächtigten eines Plans, den Berlin schrieb, Brüssel beschloss und an den er selbst am allerwenigsten glaubt. Die Griechen wählten ihn trotzdem, weil sie hoffen, dass er zumindest das sozial Unverträglichste dieses Plans noch zu verhindern vermag.

Doch am Grundsätzlichen ändert das wenig. Neben aller Notwendigkeit, Griechenland von Grund auf zu sanieren, die Klientelwirtschaft zu bekämpfen und die Gesetzlosigkeit zu überwinden, braucht das Land eines viel dringlicher, und das ist Wachstum. Vom Staat kann es nicht kommen, das weiß Tsipras in Kenntnis des Korsetts, in das er gezwängt wurde. Aus der Privatwirtschaft erst recht nicht, da der Konsum angesichts der beständig hohen Arbeitslosigkeit kaum anspringen kann. Auch auf die Mogelpackung „Rettungspaket“ kann er nicht setzen, da das Gros der 100 Milliarden, die im Sommer beschlossen wurden, in die maroden Banken fließt und der Kredittilgung bei den Gläubigerstaaten dient. Somit ist klar, was passieren wird. In spätestens einem halben Jahr werden wieder die Alarmsirenen schrillen, im nächsten Sommer erneut Krisensitzungen einberufen. Am Ende wird Europas Elite Tsipras für gescheitert erklären. Und wir werden uns fragen: War da was?

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: lehermayr.christoph@news.at

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