Weltreise von

Terror in Barcelona

"Warum ließ der Staat solche Prediger gewähren? Warum durften die das? Wieso sperrte die keiner ein?"

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Nun also Barcelona. Nach Paris, Brüssel, Berlin, London und all den anderen Orten, die wir längst wieder verdrängt, vergessen oder in der Flut der Terroranschläge erst gar nicht mehr wahrgenommen haben. Die Intervalle werden kürzer, und mit ihnen schrumpft auch unsere Aufmerksamkeitskurve. Kaum einer will noch über Terror sprechen, viele schalten ab, sobald das Thema auftaucht. Schleichend hat sich die Gewöhnung eingestellt. Alles scheint irgendwie gesagt, und doch hat auch der x-te Anschlag in Europa keinen Erkenntnisgewinn gebracht. Selbst die Politik, stets darum bemüht, einfache Lösungen zu suggerieren, hat die Muster, die es abzuspielen gilt, längst verinnerlicht. Fast gebetsmühlenartig wiederholen Linke dann etwa, dass der Staat bei der Integration versagt habe. Man müsse künftig mehr Geld in Sozialarbeit investieren, Bildungschancen verbessern und so junge Muslime vor dem Abdriften ins Radikale bewahren. Rechte machen es sich noch einfacher, indem sie das Ende aller Zuwanderung als Allheilmittel anpreisen, so, als seien viele der Gefährder nicht längst Bürger ihrer jeweiligen Länder.

So weit, so bekannt, so falsch. Barcelona ist das beste Beispiel. Dort passen die späteren Täter so gar nicht ins Bild der ausgegrenzten, chancenlosen Jugendlichen, die aus lauter Frust Zuflucht in radikalen Heilslehren fanden. Der Ort, aus dem sie stammen, ist weder eine bittere Pariser Banlieue noch eine Brutstätte des Terrors. Ganz im Gegenteil. Bewohner der katalonischen Kleinstadt beschreiben die Mitglieder der späteren Terrorzelle in spanischen Medien als brave Burschen. Integriert, ambitioniert, talentiert. Die Söhne marokkanischer Einwanderer, von denen es in ganz Spanien 800.000 gibt, wuchsen in bescheidenen Verhältnissen auf, standen aber fern vom Rand der Gesellschaft. Die jüngeren bekamen gratis Nachhilfe, die älteren hatten Jobs.

Und dann der Bruch. Der Imam, der zum Menschenfischer wird. Dem es gelingt, die zwölf zu Gefolgsleuten seiner radikal-islamistischen Lehre umzupolen. Was auf Außenstehende wie fauler Zauber wirken mag, findet in der Schattenwelt der Moscheen und Gebetsräume reichlich Nachahmer. Auch hierzulande. Es gibt etliche Jugendliche, die einst von Österreich nach Syrien zum IS aufbrachen, weil sie zuvor in die Fänge der Radikalen geraten waren. Als ich ihren Eltern gegenübersaß, war da nur Staunen, Unglauben und schieres Entsetzen. Ihre eigenen Kinder waren ihnen über Nacht zu Fremden geworden. Ein Vater zeigte das Kinderzimmer, in dem sein Bub heimlich den Rucksack gepackt hatte und in der Früh verschwunden war. Und dann stellte der Vater Fragen, die sich einbrannten: "Warum ließ der Staat solche Prediger gewähren? Warum durften die das? Wieso sperrte die keiner ein?"

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