Weltreise von

Die Merkel-Dämmerung

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Es sind oft die kleinen Zeichen, an denen sich bevorstehendes Großes früh ablesen lässt. Etwa diese Woche wieder, als Kanzler Sebastian Kurz nach Berlin zum Antrittsbesuch bei Angela Merkel aufbrach. Konservative deutsche Zeitungen huldigten ihm schon vorab förmlich über Gebühr. In der Migrationskrise habe er früh bittere Wahrheiten ausgesprochen, welche Merkel erst mit zwei Jahren Verspätung zur Kenntnis nahm. Mit dem Beharren auf den letztlich gescheiterten Verteilquoten für Flüchtlinge habe Merkel die EU zudem gespalten, schrieb die "Welt", und sich als Vermittlerin zwischen West und Ost disqualifiziert.

Dabei ging es beim deutschen Kurz-Feuerwerk kaum um Kurz selbst, sondern einzig um Merkel. Deutschlands Konservative führen an ihm vor, was sie sich für die eigene Zukunft wünschen. Die nach Merkel. Denn die Kanzlerin ist angezählt. Erst fuhr sie im Herbst das zweitschlechteste Wahlergebnis seit 1949 ein. Dann scheiterten die Verhandlungen zu einer Jamaika-Koalition mit den Grünen und der FDP. Und seither legen sich Leere, Schwere und Verdrossenheit über das Land. Merkel hatte ihren Aufstieg darauf begründet, weitgehend ideologiefreie Politik zu betreiben, welche sie oft als alternativlos deklarierte. Unbekümmert übernahm sie, je nach Anlass und Bedarf, liberale, grüne, ja, mitunter gar linke Positionen, grub denen damit das Wasser ab und entstaubte zugleich ihre altbackene CDU. Die wirkte inhaltlich zwar bald beliebig, wenn nicht gar diffus, aber solange die Wahlergebnisse passten, wagte niemand einen Widerspruch. Bloß die Verpartnerung bereitete zunehmend Probleme. Eine SPD von der traurigen Gestalt wollte nun partout in keine weitere Koalition mehr mit Merkel, da sie bei einer Neuauflage förmlich um ihre eigene Existenz fürchten muss. Die Strategie Merkels, ihren Partnern kaum Luft zu lassen, hat erst die in einer Demokratie nötigen Debatten abgewürgt und erstickt. Nun droht sie ihr selbst die Luft zu nehmen.

Denn nachdem die SPD ihre Verweigerung vergaß und sich doch zu Sondierungen breitschlagen ließ, braucht es für deren Ergebnis eine Mehrheit der Partei. 600 Delegierte stimmen am Sonntag darüber ab, ob sie sich Merkel ein weiteres Mal ausliefern wollen. Ein Ja würde den Weg frei machen für eine Koalition, die schon jetzt keiner so richtig will. Ein Nein würde wohl zu Neuwahlen führen. Merkel machen nur der Mangel an potenziellen Nachfolgern und die Schwäche ihrer Gegner aufs Erste noch alternativlos. Doch das kann sich ändern. Einst hat sie selbst miterlebt, wie ihr Vorgänger Helmut Kohl durch das lähmende Festhalten an der Macht sein eigenes politisches Erbe verspielte. Auch er hatte die kleinen Zeichen übersehen. Nun hat sie noch die Chance, es besser zu machen.

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