Weltreise von

Kontrollverlust
in Chemnitz

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Als alles entglitt, stand erst der Schock, dann das Rätseln und am Ende das schnelle Schlausein. Ein 35-jähriger Deutscher war am Sonntag im ostdeutschen Chemnitz, einer Stadt so groß wie Graz, auf offener Straße erstochen worden. Die Verdächtigen: zwei vorbestrafte Asylwerber aus Syrien und dem Irak. Während die Polizei in Sachsen mit Informationen über die Tat zögerlich blieb, schraubten rechte Seiten auf Facebook mit "Fake News" rasch an der Spirale der Wut. Ihr Ziel, den Hass vom Netz auf die Straße zu bringen, ging auf. Aus einer Protest-und Trauerkundgebung wurde ein Massenaufmarsch. Ganz an der Spitze: ein Mob aus Neonazis. Über Stunden hinweg kontrollierten die rechten Recken die Straßen der Stadt. Videos zeigen, wie einige zur Hetzjagd auf Menschen ansetzten, die "fremd" wirkten. In Liveschaltungen eilig angereister TV-Sender streckten Männer die Hand zum Hitlergruß. So weit, so schlimm, so normal. Wenn sich "Wessi-Journalisten" in ihren Instant-Analysen nun geschockt über den robusten rechten Untergrund im Osten geben, belegen sie damit vor allem die Unkenntnis ihres eigenen Landes. Denn all die Asylheime dort fingen kaum von alleine Feuer, und all die Neonazi-Märsche durch die ostdeutsche Provinz fanden auch früher nicht ohne Teilnehmer statt. Man musste es nur sehen wollen. Auch die Suche nach Gründen ist müßig. Wer "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus" grölend durch Städte zieht, ist ein Rassist. Punkt.

Dass aber Tausende "normale Bürger" in Chemnitz nichts dabei fanden, hinter diesen Neonazis herzumarschieren, ist um einiges erschreckender. Denn es belegt, dass sich die Parameter verschieben, dass das, was wir gesellschaftliches Selbstverständnis nennen, schwindet. Wenn jemand glaubt, dass seine Sorgen über die Gewalt von Asylwerbern nur noch in den Reihen der Glatzen gut aufgehoben sind, läuft etwas gehörig falsch. Ebenso, wenn Grund zur Annahme besteht, dass der Frust über kriminelle Migranten, die trotz negativen Asylbescheids im Land bleiben, nur bei den verlängerten Armen der Rechten in den Parlamenten ein Ventil fänden.

Man kann es sich natürlich auch ganz einfach machen und all diese Menschen mit den Glatzen in einen Topf werfen. Sich über Sachsen und "die ganzen Ossis" empören und sich witzelnd die Mauer zurückwünschen. Nur um es sich danach in seiner kleinen abgehobenen Welt wieder gemütlich zu machen, deren Wände mit den eigenen Vorurteilen tapeziert sind. Bloß werden diese Wände irgendwann eingerissen, wenn sich der Kontrollverlust fortsetzt, immer mehr Menschen in Hasswelten abgleiten, dementsprechend wählen und sie es für normal zu halten beginnen, wenn sie Seite an Seite mit Rassisten marschieren.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: lehermayr.christoph@news.at