Weltreise von

Im Meer der Mythen

Weltreise - Im Meer der Mythen © Bild: Ian Ehm

Es droht ein neuer Sommer der Flucht. Schauplatz ist nicht wie 2015 der Balkan, sondern das Mittelmeer. 80.000 Menschen sind über diesen Weg seit Jänner nach Italien gelangt. 300.000 könnten es bis Jahresende werden. Um nicht erneut vom Ansturm überrascht zu sein, setzt die Politik auf Härte. Abriegeln müsse man die Route, sie dichtmachen und sperren. Doch wie? Vielleicht, indem man zuvor ein paar Mythen tilgt.

1. Keines der Flüchtlingsboote, das von Libyen ablegt, erreicht je Italien. Schlepper machen Millionen, indem sie Menschen in Schlauchboote zwängen und diese in internationale Gewässer treiben lassen. Dort, zwölf Seemeilen vor Libyen, werden sie meist von Hilfsorganisationen geborgen und nach Italien verbracht. Heuer ertranken vor Libyen trotzdem schon 2.000 Menschen. Denn solange das Wagnis einer solchen Überfahrt einem Ticket in die EU gleicht, werden mehr Menschen aufbrechen und dabei auch sterben.

2. Auf den Booten befinden sich kaum noch Kriegsflüchtlinge. Vielmehr sind Nigeria, Bangladesch, Ghana und die Elfenbeinküste die häufigsten Herkunftsländer der meist männlichen Ankommenden. Es sind Wirtschaftsmigranten oder, nobler formuliert, Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch ihre Chance auf Asyl geht in Italien gegen null. Daher tauchen viele ab, schuften illegal oder fliehen weiter nach Mitteleuropa. Ihre spätere Abschiebung ist kostspielig, kompliziert und oft unmöglich. Solange aber auch Menschen ohne Asylrecht in Europa bleiben können, wird die Zahl der Aufbrechenden wachsen.

3. Libyen ist kein wirklicher Partner bei der Schließung der Route. Der Staat dort existiert nicht mehr, echte Ansprechpartner fehlen. Anstelle widerstreitender Regierungen kontrollieren Milizen und Stämme das Land. Flüchtlinge vegetieren in Lagern, die Horrorgefängnissen gleichen. Solange sich daran nichts ändert, muss Europa stattdessen auf die Staaten entlang der Fluchtroute setzen.

4. Entwicklungshilfe ist kein Allheilmittel. Es sind nicht die Ärmsten der Armen, die nach Europa aufbrechen, denn diese könnten sich die bis zu 8.000 Euro für die Flucht gar nicht leisten. Daher braucht es spezielle Abkommen mit den Herkunftsländern, die mit konkret messbaren Zielen verbunden sind und deren Wirtschaft fördern. Solange man glaubt, althergebrachte Hilfe vor Ort ließe weniger Menschen aufbrechen, wird sich am Status quo wenig ändern.

5. Billig und schnell lässt sich nichts davon bewerkstelligen. Um Erfolge zu erzielen, wird viel Geduld und noch mehr Geld nötig sein. Solange aber schon jeder Versuch, etwas zu ändern, von vornherein als chancenlos abgetan wird, steigt sowohl die Zahl der Ankommenden wie die der Toten.

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