Weltmacht USA. Geht es wirklich mit
der Leitnation des Westens bergab?

"Pohl-Position" von Walter Pohl PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Weltmacht USA. Geht es wirklich mit
der Leitnation des Westens bergab? © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Dieser Tage und Wochen haben amerikakritische Unkenrufer Hochsaison: Der Leitnation der westlichen Welt, so meinen geübte Anti-Imperialisten, habe das letzte Stündchen geschlagen. Wirtschaftskrise, Banken-Crash und jetzt die Insolvenz des Automobil-Flaggschiffs General Motors: Das seien die Zeichen des Untergangs, da brauche man gar nicht erst lange herumzudebattieren. Und die feixende Polemik, wonach die Nation der Mondflieger, der Atombombenbauer, der Disneylanderfinder ihr Verfallsdatum bald erreicht habe, benötigt gar keine widerlichen antisemitischen Reflexe für ihre banale Argumentation. Nicht mehr die „Juden von der Ostküste“ seien das Unglück, jetzt sind es alle, „die Amerikaner“ nämlich.

Gut. So weit zum Schwachsinn, der in einer Mischung aus intellektueller Präpotenz und dumpfer US-Feindlichkeit immer wieder Liebhaber findet, vor allem in Zeiten der wirtschaftlichen Cholera.

Die Wahrheit hingegen ist, dass eine schwächelnde USA uns alle wirtschaftlich ansteckt. Wenn die in der Wall Street und in Washington einen Husten haben, bekommt Europa eine Grippe, um ein geflügeltes Wort zu verwenden. Dabei zusehen zu wollen und noch zu glauben, wir, die guten alten Europäer, wären immun, ist ein tragischer Irrtum. Solange Öl noch in Dollars gehandelt wird, solange die US-Armee noch imstande ist, an jeden Ort der Welt punktgenau ihre Cruise Missiles zu schicken, solange uns die Gänsehaut über den Rücken rennt, wenn ein US-Präsident mit Pomp und Trara angelobt wird, so lange sind wir ein Teil des „amerikanischen Werte- und Wirtschaftssystems“. Gleich, ob man das gut findet oder nicht. Und jene geistigen Flachwurzler, die sich jetzt die Hände reiben, werden noch lange Zeit bis zum Niedergang des amerikanischen Zeitalters haben. Den prognostizieren seriöse Trendforscher frühestens in rund 100 Jahren.

Welches Kampfpotenzial die US-Ökonomie hat, zeigt ein simples Telefonat, das ich vor kurzem mit einem Freund aus Los Angeles geführt habe. Der Typ ist Topmanager eines ziemlich angeschlagenen Software-Multis. Ja, sagt er, die Krise ist voll da, und die Arschlöcher von der Börse und den Banken gehören auf den Mond geschossen. Aber er sagt auch: „Shit happens, wir fangen halt wieder von vorne an.“

So was habe ich in Europa noch nie gehört…