Weltkulturerbe sorgt für einen Grenzstreit:
Konflikt um 4,6 Quadratkilometer Grenzland

Shiva-Tempel aus dem 11. Jahrhundert als Welterbe Kambodschanischer Tempel mit Eingang in Thailand

Weltkulturerbe sorgt für einen Grenzstreit:
Konflikt um 4,6 Quadratkilometer Grenzland
© Bild: Reuters/Stringer

Kambodscha und Thailand streiten sich um 4,6 Quadratkilometer Grenzland rund um einen Hindu-Tempel, der auf kambodschanischer Seite Prasat Preah Vihear, auf thailändischer Prasat Phra Viharn genannt wird. Der Konflikt eskalierte, als die UNO-Kultur-, Erziehungs- und Wissenschaftsorganisation UNESCO das Baudenkmal aus dem 11. Jahrhundert auf Antrag Phnom Penhs Anfang Juli des Vorjahres als zu Kambodscha gehörig in ihre Weltkulturerbe-Liste aufnahm. Beide Staaten entsandten Truppen in die umstrittene Region.

Der auf einem Plateau errichtete Tempel ist Gott Shiva geweiht, einem der Hauptgötter der Hindus, der sowohl einen Aspekt als Zerstörer als auch einen als Heilsbringer besitzt. Die Anlage besteht aus mehreren durch Dämme und Treppen miteinander verbundenen Gebäuden. Vor allem die Stein-Verzierungen sind gut erhalten geblieben. Von thailändischer Seite aus ist der Tempel einfach über eine natürliche Rampe zu erreichen, auf kambodschanischer Seite fällt das Gelände dagegen steil ab.

Alte Landkarte
Nach jahrzehntelangem Streit hatte der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag 1962 zum Verdruss Thailands geurteilt, dass der Tempel Preah Vihear zu Kambodscha gehört. Der Haupteingang liegt allerdings auf thailändischer Seite. Die Haager Richter bezogen sich bei ihrem Spruch auf eine Landkarte, mit der die französische Protektoratsmacht in Indochina Anfang des vorigen Jahrhunderts die Grenze zwischen Thailand und Kambodscha festlegen wollte. Thailand, das im Zweiten Weltkrieg Teile des heutigen Kambodschas besetzt hatte, bezog sich auf eine andere historische Karte, akzeptierte das Urteil aber zähneknirschend. Zu dem Land, das ihn umgibt, äußerte sich das UNO-Gericht nicht - es blieb umstritten.

Bangkok unterstützte die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe. Der Regierung brachte das jedoch den Vorwurf ein, nationales Kulturgut aufzugeben. Der Preah Vihear Tempel ähnelt im Stil den bekannteren Anlagen von Angkor Wat in Kambodscha, die ebenfalls in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Der damalige thailändische Ministerpräsident Samak Sundaravej schickte am 15. Juli 2008 schließlich Hunderte Soldaten an die Grenze. Kambodscha tat in Reaktion gleiches. Es wurde begonnen, Bunker und Gräben auszuheben; Kriegsdrohungen standen im Raum. Gespräche scheiterten, und Kambodscha rief den UNO-Sicherheitsrat an.

Von Thailand besetzt
Gebiete des heutigen Thailand gehörten zum alten Khmer-Reich, das unter Jayavarman VII. (1181-1219) seine größte kulturelle Blüte erlebte. Thai-Generäle rebellierten im 13. Jahrhundert erfolgreich. Der Khmer-Staat geriet in der Folge teils unter thailändische und vietnamesische Herrschaft, teils war er unabhängig. 1863/67 stellte sich der kambodschanische König Norodom unter den Schutz des französischen Kaisers Napoleon III. Kambodscha erhielt nördliche Provinzen zurück, die sich Siam (Thailand) einverleibt hatte, und bildete später zusammen mit Laos und dem vietnamesischen Kaiserreich Französisch-Indochina. Während des Zweiten Weltkriegs, als Kambodschas französische Protektoratsmacht wegen der japanischen Invasion vorübergehend handlungsunfähig war, besetzte Thailand Teile des Nachbarlandes militärisch, musste nach 1945 aber auf die Eroberungen verzichten.

Schon vor sechs Jahren flammte der Nachbarschaftskonflikt auf: Eine aufgebrachte Menge setzte die thailändische Botschaft und thailändische Firmen in Phom Penh in Brand, nachdem eine Zeitung fälschlich berichtet hatte, ein thailändischer TV-Star habe gesagte, Angkor gehöre zu Thailand.
(apa/red)