Wegen Rekordinflation Zinserhöhung vom
EZB angedeutet: Sind in 'Alarmbereitschaft'

Notenbanker ließen Zinsen vorerst bei 4,0 Prozent Euro steigt nun wegen Aussicht auf Zinserhöhung

Wegen Rekordinflation Zinserhöhung vom
EZB angedeutet: Sind in 'Alarmbereitschaft' © Bild: AP/Probst

Im Kampf gegen die Rekordinflation im Euro-Raum steuert die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli auf die erste Zinserhöhung seit einem Jahr zu. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir nach genauer Prüfung der Situation entscheiden, die Zinsen beim nächsten Treffen anzuheben, um Inflationserwartungen zu dämpfen", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet in Frankfurt. "Es ist nicht sicher, aber es ist möglich." Der EZB-Rat kommt Anfang Juli wieder zusammen. Zudem ließen die Notenbanker die Zinsen im Euro-Raum trotz der hohen Teuerung vorerst bei 4,0 Prozent. Diese Entscheidung sei aber im Rat umstritten gewesen, sagte Trichet. Einige Währungshüter hätten eine sofortige Zinserhöhung befürwortet.

Mit einer Zinsanhebung würde die EZB ihren Kurs fortsetzen, den sie im Sommer 2007 wegen des Ausbruchs der Finanzmarktkrise unterbrochen hatte. Wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs und der damit verbundenen Inflationsgefahren hatte die EZB seit Ende 2005 die Zinsen von 2,0 auf 4,0 Prozent verdoppelt und war von einem weiteren Zinsschritt nach oben durch die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten abgehalten worden. Inzwischen steht die Sorge der EZB um die Teuerung im Euro-Raum im Vordergrund.

"Wir sind in einem Zustand der großen Alarmbereitschaft", betonte Trichet die Entschlossenheit des Rates, die Zinsen zu erhöhen. Die Inflation im Euro-Raum war im Mai auf 3,6 Prozent gestiegen. Das war der höchste Wert seit der Euro-Einführung 1999. Zudem erwartet die Notenbank wegen der Preisexplosion bei Öl- und Lebensmittelpreisen, dass die jährliche Teuerungsrate in den 15 Euro-Ländern in diesem Jahr im Mittel bei 3,4 statt der bisher erwarteten 2,9 Prozent liegen wird.

EZB steht vor seiner größten Herausforderung
Damit würde die Inflation erstmals seit der Euro-Einführung vor fast zehn Jahren im Jahresschnitt die Drei-Prozent-Marke überschreiten. Das ist weit über der Marke von zwei Prozent, bei der die Notenbank Preisstabilität definiert. Auch 2009 werde die Teuerung mit 2,4 statt 2,1 Prozent über diesem Wert liegen. Die EZB steht nach Ansicht von Ökonomen im zehnten Jahr ihres Bestehens vor ihrer wohl größten Herausforderung: Sie muss die Konjunkturrisiken wie Finanzkrise und steigenden Ölpreis gegen die hohe Inflation abwägen. Wegen der hohen Inflation rief Trichet die Tarifpartner auf, ihre Verantwortung zu wahren und keine überzogenen Lohnabschlüsse zu vereinbaren.

Die EZB wagt eine Zinserhöhung, weil sie davon ausgeht, dass die Wirtschaft trotz der Folgen der Finanzkrise, der wirtschaftlichen Abkühlung in den USA und des starken Euro weiterhin robust wachsen wird. "Die heimische und die ausländische Nachfrage werden das Wirtschaftswachstum 2008 weiter tragen", sagte Trichet. Insbesondere aus Schwellenländern wie China, Indien und Russland sei die Nachfrage hoch.

Beim Wirtschaftswachstum ist die EZB wegen des guten Jahresauftakts etwas optimistischer für 2008. Sie erwartet in diesem Jahr 1,8 statt 1,7 Prozent Wachstum. 2009 werde sich der Zuwachs abschwächen auf 1,5 statt der zunächst prognostizierten 1,8 Prozent. Eine schwächere Konjunktur spricht gegen eine Zinserhöhung, weil sie Kredite für Unternehmen und Verbraucher verteuert und damit das Wachstum bremsen kann.

Euro steigt wegen Aussicht auf Zinserhöhung
Die Aussicht auf bald steigende Zinsen in der Euro-Zone hat den Euro um fast zwei Cent in die Höhe getrieben. Die Europäische Zentralbank hatte den Leitzins unverändert bei 4,0 Prozent belassen, aber die Tür für eine Zinserhöhung im kommenden Monat weit aufgestoßen. "Für Juli schließen wir eine Erhöhung nicht aus", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Marktteilnehmer reagierten überrascht. "So eindeutig hat er das noch nie gesagt", sagte HSBC-Trinkaus-Analystin Antje Hansen. Der Euro sprang über die Marke von 1,55 Dollar und legte auf bis zu 1,5563 Dollar zu, nachdem er vor Beginn der Trichet-Pressekonferenz bei 1,5384 Dollar gelegen hatte. Die EZB hatte den Referenzkurs am Mittag auf 1,5402 (1,5466) Dollar gesenkt.

"Offenkundig stuft die Zentralbank die deutlichen konjunkturellen Abkühlungstendenzen in einigen Teilen der Eurozone weniger kritisch ein als die anhaltend hohen Inflationsraten", kommentierte die NordLB. "Die Zinserhöhung könnte nun schneller kommen als am Markt erwartet, das hilft dem Euro", sagte Devisenexpertin Antje Praefcke von der Commerzbank. Damit habe Trichet quasi die Aussagen seines US-Amtskollegen Ben Bernanke aus Euro-Sicht wieder ausgeglichen. Der Euro hatte diese Woche an Wert verloren, nachdem US-Notenbankchef Bernanke vor den Folgen der Dollar-Schwäche gewarnt hatte. Händler hatten den Aussagen viel Gewicht gegeben, da normalerweise die Währungspolitik in den USA in die Zuständigkeit des Finanzministeriums fällt und US-Notenbanker daher nur selten zum Dollar Stellung nehmen.

Bernanke äußert sich zu Inflation
Zudem äußerte sich Bernanke zudem zu den Inflationsaussichten in den USA. Diese bereiteten ihm "erhebliche Sorge", erklärte der Notenbankchef, der seit dem Sommer vorigen Jahres die Zinsen in der weltgrößten Volkswirtschaft drastisch auf zwei Prozent von 5,25 Prozent heruntergeschraubt hatte. Besser als erwartet ausgefallene US-Konjunkturdaten schürten am Markt ebenfalls Spekulationen, die Fed könnte noch in diesem Jahr die Zinsen wieder anheben. Auch die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den USA waren stärker gefallen als von Analysten erwartet. (APA/red)