Wassermassen geben Venedig nicht frei:
Wasserpegel stieg um weitere 1,10 Meter an

Außergewöhnliche Lage für leidgeplagte Einwohner Aufblasbarer Schutz in Bau. PLUS: BILDER der Fluten

Wassermassen geben Venedig nicht frei:
Wasserpegel stieg um weitere 1,10 Meter an © Bild: Reuters/Crosera

Venedig steht nach schweren Regenfällen zum Großteil unter Wasser. Nachdem der Wasserpegel in der Lagunenstadt am Montag auf den höchsten Stand seit 22 Jahren gestiegen war, blieb die Lage nach wie vor schwierig. Der Wasserpegel der Adria stieg auch heute um 1,10 Meter. Die Sirenen läuteten, um die Bevölkerung zu alarmieren. Am Montag war der Wasserpegel um 1,56 Meter gestiegen, so stark wie schon seit 1986 nicht mehr. Es war der vierthöchste Pegelstand in den vergangenen hundert Jahren.

Obwohl es in dem von Kanälen durchzogenen Venedig immer wieder zu Überschwemmungen kommt, sprach Bürgermeister Massimo Cacciari jetzt von einem Ausnahmehochwasser. Touristen und Venezianer wateten im Oberschenkel hohen Wasser über beliebte Ziele wie den Markusplatz. Stühle von Straßencafes waren praktisch ganz im Wasser verschwunden.

"Die italienischen Politiker begreifen nicht, dass Venedig in einer ständigen Notstandssituation lebt. Wir brauchen Steuerbegünstigungen für Geschäftsleute und Unternehmer und vor allem eine Infrastruktur, die Venedig gegen die Flutwellen verteidigen kann", so ein Sprecher des Hotelierverbands. Die Lagunenstadt leide nicht nur unter immer häufigeren Überschwemmungen, sondern auch unter der abnehmenden Einwohnerzahl. Seit 1950 hat sich die Bevölkerung der Stadt um fast zwei Drittel auf 62.000 Menschen verringert.

Venedig laufe Gefahr, zu einer Museumsstadt zu werden, warnen die Hoteliers. Schon heute sei die Bevölkerung überaltert. Einer der Gründe seien die hohen Lebenshaltungskosten. Allein die Mieten seien an der Lagune 60 Prozent höher als sonst in Italien. Auch der Alarm "acqua alta" (Hochwasser) dürfte künftig immer häufiger gegeben werden. Allein in den nächsten zehn Jahren dürfte der Pegel der Adria um etliche Zentimeter steigen, sagte ein Experte. Ursache sei der Anstieg des Meeresspiegels als Folge des Treibhaus-Effekts.

Aufblasbare Sturmmauer soll Hochwasser künftig abwenden
Giancarlo Galan, Präsident der Region Venetien und Vertrauensmann des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi, beschuldigte die Verwaltung Venedigs, keine Initiativen zur Rettung der Stadt zu ergreifen. Seit langem sei vom sogenannten Projekt Mose die Rede. Doch die Errichtung einer aufblasbaren Staumauer würde noch Jahre dauern.

Laut Stadtverwaltung ist dieses System von beweglichen Sperren an den drei Ausgängen der Lagune ins offene Meer der einzige Weg, um Venedig eine Zukunft zu garantieren. Sobald der Meeresspiegel steigt, sollen sich 20 Meter hohe Zylinder automatisch aufblasen.

Dass Venedig gerettet werden muss, darüber ist man sich in Italien einig. Bisher scheiterte es aber am Geld und am Wie. Umweltschützer befürchten etwa, dass "Mose" das prekäre ökologische Gleichgewicht in der bereits stark verschmutzten Lagune zum Kippen bringen könnte.
(apa/red)