Was will Doskozil?

Was will Doskozil? Burgenlands Landeshauptmann fällt auf der bundespolitischen Bühne seit Jahren mit Querschüssen auf - auch gegen die eigene SPÖ und ihre Parteichefin. Doch wie agiert er eigentlich in seiner Heimat, in der der Mann mit dem Macher-Image seit Anfang 2020 mit absoluter Mehrheit regieren darf? Mit durchaus harter Hand, wie sich bei einem Streifzug durch das kleine Bundesland zeigt. Klotzen, nicht kleckern, lautet das Motto. Mehr Staat, weniger privat, die Devise - eine Analyse.

von Hans-Peter Doskozil © Bild: imago images/SEPA.Media

Es ist nicht so, dass Hans Peter Doskozil mit seiner Meinung hinterm Berg gehalten hätte. Auch nicht, was sein Tun und Handeln im Burgenland betrifft. Bereits 2021 erklärte der seit Anfang 2020 absolut regierende SPÖ-Landeshauptmann der Presse, er sehe nicht ein, "dass der Staat alles finanziert - und private Unternehmer Profite einfahren". Er wolle eine starke Rolle in der Wirtschaft spielen. Mehr Staat, weniger privat also. Das lebt Doskozil offensichtlich im Burgenland.

Auf der Bundesebene wird der 51-jährige Doskozil hauptsächlich als strenger Kritiker wahrgenommen, auch gegenüber der eigenen Partei, etwa dann, wenn er sich medienwirksam aus dem SPÖ-Bundesvorstand zurückzieht. Oder wie zuletzt bei der sogenannten Kanzlerinnen-Rede, bei der Pamela Rendi-Wagner alle einstigen SPÖ-Regierungschefs um sich versammeln kann, Doskozil aber lieber einen Termin in Deutschland absolviert.

Im Burgenland selbst, unbeachtet von der breiten Öffentlichkeit, baut Doskozil kräftig um und sein Macher-Image kontinuierlich aus. Unter dem Dach der Landesholding hat der Aufsichtsratsvorsitzende mittlerweile 68 Konzerngesellschaften gebündelt und in der Führung durchwegs mit Vertrauten besetzt. Diese Unternehmen der öffentlichen Hand kümmern sich nicht mehr nur um klassische Themen wie Tourismus, Sport oder Kultur, sie drängen zunehmend auch in soziale Bereiche wie Hospiz, Pflege oder Wohnbau.

Sogar der öffentliche Kleinbusverkehr im Südburgenland ist der landeseigenen Verkehrsbetriebe Burgenland neuerdings 4,3 Millionen Euro wert. Und für die öffentlichkeitswirksame Orchestrierung aller Aktivitäten sorgt eine eigens geschaffene Kommunikation Burgenland GmbH, die den Landesfürsten auf allen Kanälen ins rechte Licht rückt. Wird das Burgenland unter Doskozil schrittweise verstaatlicht? Ein Überblick.

PFLEGE

Erst vor die Presse, dann in die Detailarbeit

Tue Gutes und sprich darüber? Das kann eine legitime Vorgehensweise sein. Versuche Gutes zu tun und sprich darüber, noch bevor alle Experten und Betroffenen eingebunden waren? Das ist dann doch ein zumindest fragwürdiger Vorgang, den der ÖVP-Pflegesprecher Thomas Steiner massiv kritisierte, nachdem Hans Peter Doskozil mit seinem Landesrat Schneemann am 24. Jänner vor die Presse getreten war, um ein Pflegemodell zu verkünden, das "einzigartig ist für ganz Österreich. Aus meiner Sicht regelt es das Thema Pflege abschließend."

Steiner ist einer der wenigen Oppositionspolitiker, die im Burgenland ab und an ihre kritische Stimme erheben, er ist nicht nur Bürgermeister von Eisenstadt, sondern auch Präsident des Hilfswerks. Und er stieß sich vor allem daran, dass die gemeinnützigen Organisationen wie Hilfswerk, Caritas, Volkshilfe und Rotes Kreuz gleichsam aus der Presse bzw. bei einer Pressekonferenz erfahren haben, wie der große Wurf als Vorbild für ganz Österreich am Beispiel des Burgenlandes nun "abschließend" geregelt werden sollte.

Die Gespräche mit den karitativen Organisationen, die im Burgenland über Jahrzehnte eine Expertise in der mobilen Hauskrankenpflege ohne jegliches Konkurrenzdenken aufgebaut hätten, sollten nämlich erst nach der öffentlichen Präsentation starten. Deshalb würde er sich von Landesregierung bei diesem sensiblen Thema eigentlich auch Unterstützung und nicht Einmischung erwarten, so Steiner. Offenbar hatten Caritas und Co. vor der medialen Kundmachung durch die Landesspitze von Schneemanns Sozialabteilung nicht einmal die Basisunterlagen erhalten. Man habe sich bisher aber auch nur in einer Evaluierungsphase befunden, bekundete Doskozil.

Klotzen, nicht kleckern

Das Doskozil-Schneemann-Modell, mit dem die Pflege "abschließend" geregelt werden soll, folgt dem Motto Klotzen, nicht kleckern: Künftig sollten 28 Regionen mit jeweils einem Pflegestützpunkt etabliert werden sowie 70 Subregionen, die sich aus den umliegenden Gemeinden ergeben. Für die Subregionen werde mit je neun Vollzeit-Mitarbeitern gerechnet, die dann auch den Mindestlohn von 1.700 Euro netto erhielten, heißt es. Und: Man müsse näher an die Menschen, zugleich aber auch die bisherigen Träger vom "Faktor Immobilien" befreien, wie der Landeshauptmann erklärte. Auch hier gilt offenbar die Doskozil-Devise: mehr Staat, weniger privat. Man gehe davon aus, 20 bis 30 vorhandene Standorte übernehmen zu können; 40 bis 50 neue müssten neu errichtet werden. Von der Landesimmobiliengesellschaft (LIB). Alles aus einer Hand also.

Rechtliche Hürden

Was auf den ersten Blick vernünftig scheint, offenbart auf den zweiten dann doch gewisse Hürden: Gerade in der mobilen Hauskrankenpflege sind viele engagierte Teilzeitmitarbeiter:innen am Werk, die sich nicht so einfach auf Regionen und Organisationen aufteilen lassen, heißt es von politischen Insidern. Das könnte auch arbeitsrechtliche Problemstellungen (Stichwort freie Arbeitsplatzwahl) nach sich ziehen, von den gesellschaftsrechtlichen Fallstricken (Stichwort Übernahme von Immobilien und Fuhrparks) ganz zu schweigen.

Künftig soll nämlich nur mehr ein Anbieter jeweils eine Region abdecken: Gestartet werde im Sommer mit einer Pilotregion, bis 2024 soll dann eine Ausrollung auf das gesamte Burgenland erfolgen. Kritiker monieren indes auch, dass sich das Land bei der Übernahme der Palliativ- und Hospiz-Versorgung zuletzt nicht mit Ruhm bekleckert hat: Es soll in diesem so sensiblen Bereich, der in die Sozialen Dienste Burgenland eingegliedert wurde, zu Versorgungsengpässen und qualitativen Einschränkungen gekommen sein.

JAGD

Ein Halali auf den Landesjagdverband

Anfang März 2021 blies Burgenlands Landeshauptmann zum Halali auf den Landesjagdverband: Hans Peter Doskozil ließ das Jagdgesetz ändern - und das bedeutete nicht nur das Aus für die ohnehin umstrittene Gatterjagd. Die wesentlichen Änderungen, kurz skizziert:

Der Verband verliert 70 Jahre nach seiner Gründung gewisse hoheitliche Aufgaben, etwa die Trophäenbewertung, die Vorschreibung der Jagdabgabe und die Versicherung der Jägerschaft. Er darf keine Pflichtbeiträge mehr einheben und verliert seinen Status als Körperschaft öffentlichen Rechts. Als Überbringer der Botschaft fungierte SP-Landesrat Leonhard Schneemann, der öffentlich erklärte, mit der Novelle des Jagdgesetzes habe man ein transparentes Gesetzeswerk schaffen wollen. In der Praxis bedeutet dies: Alle behördlichen Aufgaben, die vom Landesjagdverband ehrenamtlich wahrgenommen wurden, werden samt und sonders bezahlten Beamten in Bezirkshauptmannschaften übertragen. Was somit einer Verstaat- bzw. Verländlichung gleichkommt, wie Kritiker meinen.

Als Hintergrund vermutete Landesjägermeister Roman Leitner, seit 2017 an der Spitze des Verbandes, eine "Retourkutsche" der absolut regierenden Doskozil-SPÖ, die sich eine sehr deutliche Erhöhung des Jagdabgabe gewünscht hatte; dies habe der Landesjagdverband mit einer erfolgreichen Unterschriftenaktion zu verhindern wusste.

Verfassungsklage

Und wie reagierten die anderen Parteien? Die ÖVP kritisierte die "Ausschaltung einer unabhängigen Interessenvertretung" und forderte die SPÖ dazu auf, die Abschaffung des Jagdverbandes zurückzunehmen. Diese sei auch demokratiepolitisch bedenklich und müsse korrigiert werden. Die Grünen stellten die Frage, ob es angesichts von "so viel Intransparenz im Hintergrund der Gesetzesnovelle" nicht auch "im Hintergrund Vereinbarungen zwischen der SPÖ und den Besitzern von Jagdgattern" gebe. Und die FPÖ zeigte Verständnis dafür, dass sich der Landesjagdverband mit allen Mitteln zur Wehr setzte und eine Verfassungsklage einbringen wollte.

SPORT

Herr Thiem schlägt in Oberpullendorf auf

Es war ein ziemlicher Aha-Effekt, der auch in der nationalen Tennis-Community für Aufsehen sorgte: Wolfgang Thiem, Vater und Trainer von Österreichs Nummer eins Dominic Thiem, der sich vor seiner Verletzung bereits auf Platz drei der Weltrangliste befunden hatte, leitet ab September die Tennis-Akademie des Burgenlands. Das gab Sportlandesrat Heinrich Dorner (SPÖ) Mitte März in Oberpullendorf bekannt. In Oberpullendorf, Mittelburgenland, soll nicht nur eine Kooperation mit dem Burgenländischen Schul- und Sportmodell Oberschützen eingegangen werden, sondern auch burgenländische Tennis-Talente zwischen 15 und 19 Jahren an den Spitzensport herangeführt werden. Als Location wurde das Sporthotel Kurz auserkoren, kurzerhand wird die Infrastruktur erweitert, aus der aktuellen Fußballhalle wird eine zweite Tennishalle, die Teppich-Beläge werden auf Expertenwunsch durch Hard-Court-Untergrund ersetzt.

"Einzigartig"

"Das Modell ist österreichweit einzigartig", verlautete Doskozils oberster Sportmann Dorner bei der Präsentation. Man wisse, dass der Tennissport im Burgenland ein sehr breiter und beliebter Sport sei. Da man auf eine gute Struktur aufsetzen und nun auch in Richtung Spitzensport eine Ausbildung etablieren könne, rechne er schon bald mit ersten Erfolgen im Spitzensport, erklärte Dorner. Die Ausbildung der Talente werde vom Land, also der öffentlichen Hand, mit 33 bis 66 Prozent der Kosten gefördert. Wolfgang Thiem ergänzte: Er glaube, dass im Burgenland eine sehr gute Basis vorhanden und somit jetzt der richtige Zeitpunkt sei, "einen Schritt weiterzugehen".

Aufsichtsrat Schröcksnadel

Damit könnte der erfolgreiche Tennis-Coach indirekt auch auf die sportpolitische Struktur im absolut regierten Bundesland Burgenland angespielt haben: Denn Doskozil, der in seiner Zeit als Verteidigungsminister auch den Sport unter seinen Fittichen hatte, agiert als Landeshauptmann im Sportbereich nach dem Motto "Nur das Beste ist gut genug". Oder eben die Besten, wie sich beim Blick auf die Sport Burgenland GmbH zeigt.

Dort führt seit 2021 Anton Beretzki, der ehemalige Konditionscoach von Skilegende Hermann Maier, die Geschäfte. Beretzki hat sich international einen guten Namen gemacht, vor seinem Engagement im Burgenland war er von Minister Doskozil bereits als Abteilungsleiter in das Verteidigungsministerium gelotst worden.

In der Sport Burgenland GmbH ist übrigens selbst der Aufsichtsrat hochkarätig besetzt: Seit Sommer 2021 verstärkt Peter Schröcksnadel, 80, der nimmermüde Expräsident des österreichischen Skiverbandes (ÖSV), das Kontroll-und Beratungsgremium. Schröcksnadel und Beretzki kennen und schätzen einander seit den gemeinsamen Erfolgszeiten im Skisport.

Ein Zentrum für über 100 Millionen

Schenkt man Insidern im Eisenstädter Landhaus Glauben, dann bereitet die Sport Burgenland GmbH längst den nächsten großen Wurf vor: Seit dem großen Crash der Commerzialbank Mattersburg, deren einstiger Chef Martin Pucher mit Bilanztricks und Luftbuchungen auch den Fußball-Erfolg des SV Mattersburg mitfinanziert hatte, sucht das Burgenland eine Lösung für die in Mattersburg domizilierte Fußball-Akademie, die seit bald zwei Jahren keinen Trägerverein in der Bundesliga mehr hat und nach einer professionellen Spielwiese für talentierte Nachwuchskicker sucht.

Rund um die Akademie soll ein luxuriöses Landessportzentrum entstehen, das alle Stücke spielt, Schwimmhalle und Hotelbetrieb inklusive. Kolportiertes Investitionsvolumen: mehr als 100 Millionen Euro. Das Zentrum könnte auch andere nationale Sportverbände anlocken. Das klingt ganz nach den Visionen von Peter Schröcksnadel, der in seinen 30 Jahren im Skiverband bewiesen hat, wie man nachhaltige Strukturen schafft. Jedenfalls käme es wenig überraschend, würde das Burgenland nicht auch zum Thema Fußball und Sportzentrum bald eine "österreichweit einzigartige Lösung" vorstellen können.

KULTUR

Gabalier auf der Seebühne

Im Burgenland ist auch die Kultur Chefsache: Sie sei nun mal von zentraler Bedeutung für das Bundesland, erklärte der deklarierte Fußball-Fan Doskozil, übrigens glühender Rapid-Fan, einmal in einem Interview, und das gelte für alle Bereiche von Brauchtumspflege und zeitgenössischer Kunst bis zur Volkskultur. Für vorösterliche Auf- und Erregung - vor allem in sozialen Medien und Netzwerken - sorgte ausgerechnet die Präsentation von Österreichs "Volks-Rock-'n'-Roller" Andreas Gabalier, der im Juli auf der Seebühne Mörbisch eine seiner seltenen Österreich-Auftritte absolvieren wird.

Lokalverbot im U4?

Die sonnige Präsentation am schönen Neusiedlersee verlief nicht ganz nach Drehbuch. Erst fühlte sich Gabalier bemüßigt, nach jüngsten Corona-Aussagen in einer Volksmusik-TV-Show festzuhalten, dass er kein Corona-Schwurbler sei. Dann erntete Doskozil hämische Kommentare auf Twitter, nachdem er Gabalier im Zuge einer launigen Pressekonferenz im Beisein von Mörbisch-Intendant und TV-Moderator Alfons Haider den "österreichischen Bruce Springsteen" genannt hatte. Prompt folgte eine Reaktion des Wiener Kult-Clubs U4, der über Doskozil - mit gewissem Augenzwinkern - ein Lokalverbot verhängte, woraufhin sich das Büro des Landehauptmannes beeilte, die Sache aufzuklären: Der Boss des U4 sei aus dem burgenländischen Horitschon, sowieso "sehr gut mit dem Land", das Hausverbot also nicht mehr als ein Scherz unter burgenländischen Freunden gewesen.

Kultureller Neustart

Dass es Doskozil mit der Kultur durchaus ernst meint, zeigt sich allein schon an der vom Land vorgegebenen Struktur: Seit 2016 firmiert die Kultur-Betriebe Burgenland GmbH (KBB) unter dem Dach der Landesholding, Ende 2019 wagte der damals neue Landeshauptmann auch in der Kultur mit der Installierung von Geschäftsführerin Barbara Weißeisen-Halwax einen Neustart. Ein Jahr später wurde Alfons Haider als neuer Star an der Spitze der Seefestspiele an Bord geholt.

Der Mörbisch-Start des bekannten TV-Mannes, der als Generalintendant der KBB-Musikfestivalsparte fungiert, verlief jedoch etwas holprig: Als ein Musiker des Duos Cari Cari beim Live-Festakt "100 Jahre Burgenland" das Wort für Jungmusiker ergriff, die nur 30 Euro Gage erhielten (während sich Mörbisch zugleich zwei Intendanten leiste), was er in einem sozialdemokratisch regierten Land wie dem Burgenland "beschämend" finde, folgte vor staunendem Publikum eine Diskussion mit einem etwas zu emotionalen Alfons Haider. Am Ende des Festakts sah sich auch Doskozil dazu veranlasst, einen Versuch der Beschwichtigung zu wagen und das Wort zu ergreifen. Die Folge: Bundesweite Schlagzeilen, zusätzlich befeuert von Haider, einem klingenden Namen. Auf diese Streitkultur, noch dazu auf offener Bühne, hätte der Landeshauptmann wohl gerne verzichtet.

LANDESIMMOBILIEN UND SOZIALER WOHNBAU

Immer wieder hohe Wellen

Wesentliches Werkzeug bei den Umbauplänen des Burgenlands stellt für Hans Peter Doskozil die Landesimmobiliengesellschaft, kurz LIB, dar. In der LIB führt seit November 2019 Gerald Goger die Geschäfte, er gilt dem Landeschef als enger Vertrauter, musste sich jedoch anfangs mit Aufräumarbeiten aus der Vor-Doskozil-Ära befassen: Der Landesrechnungshof hatte einen kritischen Prüfbericht aus dem Zeitraum 2016 bis 2019 auch an die Staatsanwaltschaft übermittelt, der die Gebarung der Burgenländischen Liegenschafts-und Beteiligungs GmbH (BELIG) betraf, aus der die LIB hervorgegangen war. Darin ging es u. a. um außerordentliche Gehaltserhöhungen sowie "nicht nachvollziehbare Preisnachlässe" beim Verkauf von Liegenschaften.

Über eine möglicherweise zu günstige Veräußerung eines Grundstücks in Parndorf berichtete kürzlich die "Krone": Die BELIG verkaufte 2016 eine 5.500 Quadratmeter große Industriefläche, die sie 2004 um 220.000 Euro erworben hatte, um 181.500 Euro an den Medienunternehmer Gerhard Milletich, obwohl der Wert der Liegenschaft im Jahr 2013 noch auf 396.000 Euro geschätzt worden war. Regina Petrik, die Klubchefin der burgenländischen Grünen, stellte darob die Frage: "Was war die Gegenleistung dafür, dass er das Grundstück zum Schleuderpreis bekommen hat? Wurde damit von der SPÖ wohlwollende Berichterstattung gekauft?" Milletich und die SPÖ wiesen die Vorwürfe scharf zurück: Das Grundstück sei kontaminiert gewesen.

Brot und Spiele

Grundsätzlich soll die LIB als Vehikel für positive politische Schlagzeilen sorgen. Für Brot und Spiele zum leistbaren Preis. Wie etwa im Jänner 2022, als Doskozil mit seinem Wohnbaulandesrat Heinrich Dorner (SPÖ) das Konzept "Sozialer Wohnbau - Neu" präsentierte. Also sprach der Landeschef: "Derzeit ist der gemeinnützige Wohnbau von bundesgesetzlichen Vorgaben geprägt. Es geht mir keinesfalls um Kritik an Wohnbaugenossenschaften, sondern darum, dass die vom Bund vorgegebenen Rahmenbedingungen nicht in Ordnung sind. Unser Anspruch im Burgenland ist es, soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten: Wir wollen jenen, die beim Einzug in ihr neues Heim nicht ausreichend Eigenkapital haben, trotzdem die Möglichkeit geben, Eigentum zu erwerben."

Kritiker werten diese Aktivitäten als direkten Angriff eines Sozialisten auf den sozialen Wohnbau, der auch im Burgenland eine lange genossenschaftliche Tradition hat.

KOMMUNIKATION BURGENLAND

Großes Orchester für den Chefdirigenten

Im November 2020 hat Hans Peter Doskozil auch die Öffentlichkeitsarbeit neu geordnet: Er schuf mit der Kommunikation Burgenland GmbH eine eigene Gesellschaft, die Kommunikations-und Marketingberatung zum Geschäftszweck hat. Bewege etwas und sprich darüber, am besten mit einer Stimme über alle Kanäle. Mag die Medienszene im - gemessen an der Einwohnerzahl - kleinsten Bundesland noch so überschaubar sein, so spielt die PR-Abteilung längst auf einer Klaviatur der ganz Großen: "Die Kommunikation Burgenland ist die Dirigentin im Orchester der Landesbeteiligungen", steht auf der Website zu lesen. "Mit unserer Kompetenz und Erfahrung setzen wir das Ensemble wie die Solisten professionell in Szene und sorgen für den verdienten Applaus."

70 Unternehmen sind mittlerweile unter dem Dach der Landesholding gebündelt, rund 20 Mitarbeiter kümmern sich um die einheitliche Inszenierung der Erfolgsmeldungen, die am Ende wieder auf das Macherimage des Chefdirigenten im Landeshauptmann-Büro einzahlen sollen.

Doskozils Kern-Team

Geschäftsführer der Kommunikation Burgenland GmbH ist seit Ende 2020 Robert Hierhold, zuvor bei den Wiener Stadtwerken und in der Verlagsgruppe News tätig, als Prokurist fungiert der ehemalige "Standard"-Journalist Leo Szemeliker. Auffällig ist, dass Doskozil - unabhängig von der Kommunikation Burgenland GmbH - auf auffallend viele Kommunikationsexperten aus dem Team des ehemaligen Kurzzeit-Kanzlers Christian Kern (SPÖ) setzt, darunter etwa Paul Pöchhacker, der im Landhaus den Presseleuten unter die Arme greift. Pöchhacker war im Wahlkampf 2017 als Verbindungsmann des von der SPÖ engagierten Dirty-Campaigning-Strategen Tal Silberstein vorübergehend in die negativen Schlagzeilen geraten. In der Energie Burgenland werkt wiederum Jürgen Schwarz, bis 2017 ebenfalls ein Sprecher des damaligen Kanzlers Christian Kern.

Neben der Kommunikation Burgenland steht dem Land auch weiterhin das Landesmedienservice Burgenland für die rein politische Kommunikation zur Verfügung. Mit Stabsabteilungsvorstand, eigenem Sekretariat und etwa einem Dutzend zusätzlicher politischer Redakteure. Viel geballte (Wo)man-Power in einem Bundesland, in dem Medien wie "Krone" oder "Kurier" nur mehr kleine Redaktionen unterhalten. Und in dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht unbedingt als kritischste Stimme gegenüber den Aktivitäten der mit absoluter Mehrheit regierenden SPÖ gilt: Im ORF sollen Doskozil und sein für die Kommunikation hauptverantwortlicher Büroleiter Herbert Oschep - er ist auch Aufsichtsratschef der Kommunikation Burgenland GmbH - dem Landesdirektor Werner Herics zuletzt einen Schuss vor den Bug gesetzt haben, indem sie sich für Chefredakteur Walter Schneeberger als dessen Nachfolger stark machten.

Am Ende durfte Herics bleiben, Schneeberger dürfte aber seine Macht im Sinne der SPÖ ausgebaut haben. Bis er unfreiwillig in die Goldbarren-Schlagzeilen rund um die Chaosbank Commerzialbank geriet, obwohl er vehement bestreitet, zum 60er ein Goldgeschenk erhalten zu haben; es gilt die Unschuldsvermutung.

"Mein Burgenland"

Interessant erscheint bei genauerer Betrachtung der pannonischen Kommunikations-Offensive auch die Rolle des neuen ÖFB-Präsidenten Gerhard Milletich: Der 66-jährige Medienunternehmer, der in den letzten 15 Jahren als Chef des Wiener Bohmann-Verlags laut Medienberichterstattung von der Stadt Wien Aufträge in der Höhe von mehr als 230 Millionen Euro generiert haben soll, hat in seinem Heimatort Parndorf zuletzt einen modernen Medienkomplex aus dem Boden gestampft. Dort stellt der SPÖ-affine Milletich nunmehr u. a. Publikationen "für private und öffentliche Auftraggeber" her und vertreibt Inserate.

Auffällig: In Wien existiert seit vielen Jahren das Magazin "Mein Wien", das die Stadt seit Jänner 2022 redaktionell selbst verantwortet (und Bohmann nur noch druckt). Im Burgenland scheint im Portofolio der Milletich-Firma CRM nun "Mein Burgenland" auf, eine Publikation, die das Land von seinen schönsten Seiten zeigen soll. Kontakt für Anzeigen: Kommerzialrat Gerhard Milletich, der sogar mit Handynummer aufscheint. Redaktion und Medieninhaber: Kommunikation Burgenland GmbH. Medienherausgeber: Amt der Burgenländischen Landesregierung.

Dass es mitunter auch ORF-Redakteurinnen mit der notwendigen Distanz zur Landesregierung nicht ganz so ernst nehmen, zeigt sich am Beispiel von Elisabeth Pauer-Gerbavsits: Die "Burgenland heute"-Moderatorin, die in ihrem Hauptberuf politische Vorgänge kritisch hinterfragen muss, tritt in "Mein Burgenland" als Kolumnistin in Erscheinung.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im News-Magazin Nr. 16/2022.