Warum Österreich am Bankgeheimnis so festhält: Ein letztes Relikt in Sachen Geld

FORMAT: Diskurskultur zum Thema Vermögen fehlt EU-weiter Kampf gegen Bankgeheimnis nimmt zu

Warum Österreich am Bankgeheimnis so festhält: Ein letztes Relikt in Sachen Geld © Bild: AP/Edme

Die Vermutung liegt nahe, dass die Beziehung der Österreicher zu ihrem Bankgeheimnis - wie die Neutralität ein zu selten hinterfragtes Juwel der österreichischen Identitätsgeschichte - etwas mit dem auch sonst ambivalenten Verhältnis der Österreicher zu Vermögen und Geld zu tun hat.

Oder wissen Sie, wie viel Ihr Kollege im Büro oder Ihre Kollegin in der Etage darunter im Monat verdienen? Eben, wir reden nicht gerne übers Gehalt. Anders als im angelsächsischen Raum oder in Skandinavien hat sich in Österreich in der Geschichte der Zweiten Republik keine Diskurskultur zum Thema Geld und Vermögen entwickelt. Das Bankgeheimnis ist nach der Aufhebung der Sparbuch-Anonymität 1996, die auf Druck der Europäischen Union zustande kam, ein letztes Relikt. Und gemeinsam mit der Schweiz, Liechtenstein, Belgien und Luxemburg bildet Österreich hier die letzte Trutzburg in Europa. Aber auch das vermutlich nicht mehr lange, weil der gemeinsame Kampf der Union gegen das Bankgeheimnis an Fahrt gewinnt.

Ausdrucksmittel von Macht
Höchste Zeit also, könnte man meinen, darüber nachzudenken, was sich ändern würde, wenn das Bankgeheimnis kein solches mehr wäre. Folgt man Sigmund Freud, ist Geld das vielleicht wichtigste Ausdrucksmittel von Macht. Daran hat sich nichts geändert. Der Abschied vom Bankgeheimnis in Österreich, den übrigens der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück gar nicht fordert, würde wie schon das Ende der Sparbuch-Anonymität für den durchschnittlichen Bürger nicht sehr viel ändern. Die Auswirkungen wären gering, da sind sich diverse Wirtschaftsexperten einig - außer vielleicht bei Scheidungen, aber das ließe sich regeln.

Aber die psychologische Stütze, zu 100 Prozent mit der Verschwiegenheit seiner Bank rechnen zu können, würde wegfallen, und der Österreicher müsste - laienhaft nach Freud - seinen Umgang mit Geld und Macht für sich neu definieren lernen. Eine mitunter schmerzhafte Übung.

Exkurs Erbschaftssteuer
Wie überhaupt die heimische Politik manchmal ein einfaches Spiel mit dem Wahlvolk treibt. Dazu ein kleiner Ausflug zur Erbschaftssteuer: 70 Prozent der Österreicher haben in ihrem Leben noch nie etwas geerbt. Umgekehrt sprechen sich 70 Prozent für die Abschaffung der Erbschaftssteuer aus. Dass die Politik diesen Umfrageergebnissen gerne folgt und damit vor allem die finanziellen Interessen der wirklich Reichen geschützt werden, ist eine weitere Ironie des österreichischen Verhältnisses zum Pekuniären. In 97 Prozent der Steuerfälle im Jahr 2006 lag die Erbmasse unter 73.000 Euro. Die restlichen drei Prozent erbrachten hingegen über 50 Prozent des Steueraufkommens aus der Erbschaftssteuer.

Zurück zum Bankgeheimnis
Seine Einführung im Jahr 1945 wurde mit den großen Mengen an Schwarzgeld begründet. Ob dieses während des Nazi-Terrors unter dem Kopfpolster versteckt worden war oder erst in den Jahren des Wiederaufbaus angelegt wurde, weiß heute niemand so genau. Der Steuerexperte Werner Doralt glaubt jedenfalls, dass die heimische Bankwirtschaft dieses Schwarzgeld lieber auf anonymen Konten sehen wollte als untätig unter der Matratze zuhause. Heute geht es aber längst nicht mehr um das Schwarzgeld von Wirten. Die internationale Finanzwelt hat Österreich als verschwiegenes Alpenland entdeckt, das ähnliche Vorzüge wie die Schweiz bietet, wenn es um das Verbergen von Einkünften jedweder Profession geht.

Unmittelbarer Nutzen
Steuerexperte Doralt vergleicht dies mit einem Hausbesitzer, der beim Nachbarn heimlich Strom abzapft: "Der österreichische Bankenplatz und die Volkswirtschaft ziehen einen unmittelbaren Nutzen aus der Steuerhinterziehung von Ausländern." Die österreichische Volkswirtschaft wäre aber im Gegensatz zu Liechtenstein mit Sicherheit stark genug, auch ohne Bankgeheimnis weiter erfolgreich zu bleiben. Fragt sich nur, ob das die Österreicher von sich aus einsehen können oder ob es weiter sanften Druck von außen dazu braucht. Der hilft bei der Aufarbeitung von Neurosen bekanntlich am besten.

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