"Alles kann passieren" von

Ein "Mosaik
der Grausamkeit"

Doron Rabinovici stellte Zitate von Orban, Kickl und Co. zusammen als Warnung vor Nationalsozialismus

Schriftsteller Doron Rabinovici © Bild: APA/DPA/Fredrik Von Erichsen

"Das Wesen der Zukunft ist Folgendes: Alles kann passieren." Ein Satz von Viktor Orban aus einer im Juli 2014 gehaltenen Rede hat einer Textcollage mit Äußerungen europäischer Rechtspopulisten ihren Titel gegeben, die am Mittwoch im Akademietheater von vier Burgschauspielerinnen gelesen wurde und auch als Broschüre im Zsolnay Verlag erschienen ist: "Alles kann passieren! Ein Polittheater".

Nach einer Idee von "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk hat der Historiker und Schriftsteller Doron Rabinovici aus öffentlich zugänglichen Reden und Statements "ein Mosaik der Grausamkeit" (Klenk) zusammengestellt, das die wieder salonfähige Sprache und die Absichten des neu erstarkten Nationalismus verdeutlichen soll. "Sie werden Worte hören, von denen Sie möglicherweise nicht gedacht hätten, dass man sie heute wieder aussprechen kann", sagte Klenk in seinem Eingangsstatement und begrüßte unter den Anwesenden besonders den luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn, dessen heftiger Schlagabtausch mit Italiens Innenminister Matteo Salvini bei einem EU-Afrika-Treffen im September in Wien eine der Initialzündungen zu dem Projekt gewesen sei, sowie den Ex-Bundespräsidenten Heinz Fischer: "Wir werten das als symbolische Geste."

Reden nicht bearbeitet

Er habe die von ihm gesammelten Reden und Zitate nicht bearbeitet, "lediglich gekürzt und in einen Spannungsbogen gesetzt", sagte Rabinovici. Man solle "ganz genau zuhören, denn sie sagen offen, was sie wollen. Diese Redner machen mobil - gegen den Rechtsstaat, gegen die Kunst, gegen Europa."

Orban am häufigsten am Wort

In der Folge schlüpften Andrea Clausen, Stefanie Dvorak, Petra Morzé und Christiane von Poelnitz an einem Lesetisch sitzend abwechselnd in Politiker-Rollen. Am häufigsten kam dabei Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban zu Wort - u.a. mit seinem Bekenntnis, eine "illiberale Demokratie" anzustreben, sowie mit häufiger Anti-Soros-Hetze und wiederholtem Bekenntnis zum "Ungartum". Immer wieder konnte man auch Wutausbrüchen, Sticheleien und Schmähungen ("Europäische sowjetische Union") Salvinis zuhören, seltener Äußerungen von Jaroslaw Kaczynski, dem Chef der polnischen Regierungspartei PiS, oder des tschechischen Präsidenten Milos Zeman.

Österreich-Beiträge von Kickl, Strache und Hofer

Österreichische Beiträge zu der Collage stammten von Vizekanzler Heinz-Christian Strache und den Ministern Norbert Hofer und Herbert Kickl (alle FPÖ). Dass Letzterer etwa das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes für "einen Verein, der an der Spitze der sogenannten Skala der unnötigen Vereine steht", hält, war einem Auszug einer in Linz 2016 gehaltenen Rede zu entnehmen.

Einziges zusätzliches Gestaltungselement der etwas über einstündigen Lesung waren gelegentliche Einblendungen von kurzen Texten von Victor Klemperer, Hannah Arendt oder Erich Kästner. "Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben", schrieb dieser etwa. "Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders. Nicht des Heroismus." Am Ende traten die Schauspielerinnen aus ihren Rollen und fassten zusammen: "Alles kann passieren, weil es eben nicht unangekündigt geschieht. (...) Später wird keiner geglaubt haben, wozu die immer schon imstande gewesen sein werden; und niemand wird gewollt haben, was alles noch passieren konnte."

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