Warum Wale immer wieder
massenweise stranden

Was Experten vermuten: Die Gründe für das rätselhafte Massensterben

Erst heuer sind im Süden Chiles über 330 Seiwale gestrandet. Weltweit kommt es immer wieder zu solchen Massenstrandungen. Aber warum erleiden viele Wale einen solchen Tod?

von Ein gestrandeter Wal © Bild: YASUYOSHI CHIBA/AFP/Getty Images

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht: Denn die Ursachen können vielfältig sein und selbst die Experten haben das Phänomen bis heute nicht vollständig enträtselt. Grundsätzlich sind laut Experten an den Massenstrandungen zumeist Zahnwale - zu dieser Gruppe zählen Delfine oder Pottwale - beteiligt. Gehäuft wurden die Strandungen an der australischen und neuseeländischen Küste sowie an der Ostküste Nordamerikas beobachtet. Wenn die riesigen Meeressäuger einmal gestrandet sind, schaffen sie es aus eigener Kraft nicht mehr zurück ins offene Meer und werden schließlich von ihrem Körpergewicht (bis zu 50 Tonnen) erdrückt. Doch warum stranden die Tiere massenweise? Tierschützer und Forscher haben mehrere Theorien entwickelt:

Ein gestrandeter Wal
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1. Das soziale Gefüge

Wale haben nach Ansicht von Experten ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Das soziale Gefüge, in dem die Tiere leben, ist für sie von großer Bedeutung. Diese prinzipiell nützliche Gruppenmentalität kann den Walen jedoch zum Verhängnis werden. In küstennahen Gewässern können aus Einzelstrandungen schnell Massenstrandungen werden. Schwimmt beispielsweise ein krankes oder desorientiertes Tier zu nahe an den Strand heran, kann es passieren, dass ihm anderen Tiere aus der Gruppe folgen.

Laut Untersuchungen von neuseeländischen Forschern aus dem Jahr 2013 müssen die gestrandeten Wale nicht unbedingt miteinander verwandt sein. Das haben die Forscher durch DNA-Analysen festgestellt und daraus folgenden Schluss gezogen: Das Sozialverhalten der Wale kann Strandungen auslösen, aber dabei geht es nicht um Hilfe für Familienmitglieder. Vielmehr glauben die Experten, dass die Massenstrandungen durch Konflikte zwischen Gruppen - beispielsweise bei der Nahrungssuche oder der Fortpflanzung - verursacht werden. Die Schreie derjenigen Wale, die sich in Not befinden, würden die restlichen Tiere verwirren und dazu führen, dass Familienmitglieder voneinander getrennt werden und letztendlich stranden.

2. Natürliche Feinde

Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Wale auf der Flucht vor Feinden, wie Haien oder Schwertwalen, in küstennahe Gewässer geraten und schließlich stranden.

3. Der Lärmpegel

Auch unter Wasser kann es laut werden. Und das ist nach Angaben von Tierschützern Gift für die Wale. Die Tiere leiden dadurch unter Dauerstress. Seit dem 2. Weltkrieg hat sich laut der Umweltorganisation Greenpeace der Lärmpegel in den Weltmeeren vervielfacht. Unter anderem verursachen die große Anzahl an Schiffen, das Errichten von Bohrplattformen, die Ölförderung oder militärische Sonar-Einsätze enormen Lärm.

Für die Wale mit ihrem hochentwickelten Gehör kann das verheerende Auswirkungen haben: Der Unterwasserlärm stört ihre Kommunikation, vertreibt sie aus ihren angestammten Gebieten, schädigt ihr Gehör, führt zur Desorientierung und im schlimmsten Fall zu Massenstrandungen.

4. Verschmutzung der Meere

Die Verschmutzung der Weltmeere hat ebenfalls Einfluss auf das Verhalten der Wale. Müll, Chemikalien und Giftstoffe können gefährliche Folgen haben und zu Massenstrandungen führen. Die Wale nehmen auch über ihre Nahrung zunehmend mehr Schadstoffe auf, vor allem in Küstennähe ist die Belastung aufgrund der stärkeren Verschmutzung oft höher als im offenen Meer.

5. Umwelteinflüsse

Tierschützer und Forscher vermuten außerdem, dass Umwelteinflüsse wie die Klimaerwärmung, Gezeitenströmungen oder das Wetter eine Rolle spielen.

So wird angenommen, dass sich aufgrund der Klimaerwärmung und der dadurch veränderten Meeresströmungen die Beutetiere der Wale in seichtere Gewässer begeben. Die Walgruppen folgen wiederum der Beute und geraten gefährlich nahe an die Küste - in manchen Fällen zu nahe. Eine ähnliche Theorie, bei der das Wetter ein Rolle spielt, verfechten australische Forscher um Karen Evans von der Universität von Tasmanien: Sie haben einen Zusammenhang zwischen Walstrandungen und Klimazyklen, die alle elf bis 13 Jahre auftreten, gefunden. Ihren Untersuchungen zufolge korrelieren Walstrandungen mit dem Auftreten von starken Winden in den Meeren rund um den Südpol. Diese Winde treiben das nährstoffreiche Wasser und somit viele Fische in Richtung Küste. Die Wale folgen wiederum den Beutefischen und die Wahrscheinlichkeit von Strandungen erhöht sich.

Eine andere Möglichkeit ist: Starkwind erzeugt eine Sturmflut, die es den Walen möglich macht, sich der Küste weiter zu nähern als üblich. Bei ablaufendem Wasser bleibt den Tieren jedoch nur wenig Zeit, um wieder in tiefere Gefilde zu kommen. Außerdem können laut Experten solche Wetterbedingungen dazu führen, dass in kompliziert geformten Küstenregionen den Tieren die Orientierung schwerer fällt und sie sich an den Strand verirren.

Laut der internationalen Tierschutzorganisation "International Fund for Animal Welfare" (IFAW) können Massenstrandungen auch durch extreme Gezeitenströmungen ausgelöst werden. Denn häufig ereignet sich dieses Phänomen bei Voll- oder Neumond. "Die extremen Tidepegel bei Vollmond ermöglichen es den Tieren, sich der Küstenlinie weiter als üblich zu nähern, wo sie dann bei ablaufendem Wasser große Probleme bekommen", teilt die Tierschutzorganisation auf ihrer Homepage mit.

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