Wahlen in Ägypten von

Richtungsweisende Wahl

Erstmals in der Geschichte gab es ein TV-Duell. Die Zukunft des Landes entscheidet sich.

Wahlen in Ägypten - Richtungsweisende Wahl © Bild: Reuters/Awad

Gewalt, Unsicherheit und wirtschaftliche Stagnation kennzeichnen die Lage in Ägypten vor dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl. Die Wahl zeigt die Richtung auf, in die sich das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt künftig entwickelt. Derzeit ist Ägypten in zwei große Lager gespalten: Ein Teil hofft nach dem Sieg der Muslimbrüder bei den Parlamentswahlen auf weitere Erfolge der islamistischen Kräfte, andere hören auf die Versprechungen von früheren Exponenten der Ära des 2011 entmachteten Staatschefs Hosni Mubarak und wünschen sich eine Rückkehr zur Stabilität.

"Diese Wahl ist ganz sicher das wichtigste politische Ereignis in Ägypten seit der Revolution", sagt der Politikwissenschaftler Mustafa Kamel al-Sayyed. Anders als noch zu Zeiten Mubaraks, als die Wahlergebnisse schon vor der Stimmabgabe feststanden, spielte sich der Wahlkampf diesmal in einem weitaus offeneren Klima ab. Erstmals in der Geschichte des Landes lieferten sich zwei der Kandidaten ein Fernsehduell. Dies sei eine "völlig neue Erfahrung" für ihn und seine Landsleute gewesen, sagt Mohammed Saber, der die Debatte vor fast zwei Wochen in einem Café der Hauptstadt Kairo verfolgt hat.

Mehrfach kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten, bei denen Hunderte Menschen vorübergehend festgenommen wurden. Die teils blutigen Proteste richteten sich gegen den herrschenden Obersten Militärrat unter Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, der nach Mubaraks erzwungenem Rücktritt im Februar 2011 die Macht übernommen hat. Im Vorfeld der Präsidentenwahl wurden zahlreiche Kandidaten ausgeschlossen, wie jener der radikalen Salafisten, Hazem Salah Abu Ismail, und der erste offizielle Kandidat der Muslimbrüder, Khairat al-Shater. Aus verschiedensten Gründen wurde das Kandidatenfeld dadurch fast halbiert.

Zwölf Kandidaten in Runde eins
In der ersten Runde in dieser Woche treten nun zwölf Kandidaten gegeneinander an. Erzielt keiner von ihnen die absolute Mehrheit - wovon auszugehen ist -, findet am 16. und am 17. Juni eine Stichwahl zwischen den beiden stimmenstärksten Bewerbern statt. Einen eindeutigen Favoriten gibt es nicht. Zu den Kandidaten, die offenbar die besten Chancen haben, in die Stichwahl zu kommen, zählen der Ex-Außenminister und frühere Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Moussa, und der letzte Regierungschef Mubaraks, Ahmed Shafik. Sie distanzierten sich im Wahlkampf von der Politik des gestürzten Staatschefs, betonten zugleich aber auch ihre Erfahrungen in der Politik. Viele Stimmen wird offenbar auch der unabhängige Islamist Abdel Moneim Abul Futuh bekommen. Die Muslimbrüder liegen mit ihrem Kandidaten, Mohammed Morsy (Mursi), dagegen vermutlich weiter hinten.

Keinen Kandidaten aufgestellt hat die Jugendbewegung vom Tahrir-Platz, die die Revolution gegen Mubarak angeführt hatte. Sie ist enttäuscht, dass sich der Militärrat und die erstarkten Islamisten die Errungenschaften ihres spektakulären Aufbegehrens zunutze gemacht haben. Zudem schwächen Richtungsstreitigkeiten die Bewegung. Die Jugend büße deshalb ihr politisches Gewicht ein, das ihr bei der Präsidentschaftswahl hätte zukommen können, sagt Politikwissenschaftler Ezzedine Choukri-Fishere. Dennoch nimmt er an, dies werde ihren Einfluss auf lange Sicht nicht schmälern.