Waffenstillstand - Ja oder nein

Warum die Mehrheit der Israelis ihn ablehnt

von Peter Sichrovsky © Bild: News/Ricardo Herrgott

Der Schriftsteller Gal Beckerman beschreibt eine Episode in seinem Buch über die Geschichte der Juden in der Sowjetunion: Boris Slovin, ein Elektriker auf einer Bahnstation in Latvia, bekommt eines Tages von einem Kollegen ein abgegriffenes Buch zugesteckt, eingewickelt in ein Tuch, mit der Bitte, ob er jemanden kenne, der es ins Russische übersetzen könnte. Boris verstand kein Englisch, doch seine Ehefrau, eine Rechtsanwältin, hatte zumindest Grundkenntnisse der englischen Sprache. "Um was geht es denn?", fragte Boris. Er hob es mit der Hand als ob er es wiegen würde und sagte: "Ziemlich schwer." Blickte dann zur letzten Seite und sah, dass es 600 Seiten lang war.

"Es geht um uns, frag doch deine Frau", sagte der Kollege. Boris' Ehefrau bemühte sich monatelang, kürzte den Text etwas, versuchte, komplizierte Kapitel umzuschreiben, zu vereinfachen, fand auch einige Wörter in dem alten Wörterbuch nicht, das sie noch von ihren Eltern hatte. Doch letztendlich entstand die russische Kurzform des Buches 'Exodus' des amerikanischen Autors Leon Uris, eine etwas romantisierte Erzählung über die Entstehung Israels.

Exodus

'Exodus' wurde der Bestseller der verbotenen Bücher in der Sowjetunion. Tausende Male reproduziert lasen es Dissidenten während des Hungerstreiks, Gefängniswärter fanden es in Matratzen der Häftlinge, und die Geheimpolizei beschlagnahmte Exemplare, die in Backöfen und unter losen Holzböden versteckt waren -nach wenigen Wochen durch neue Bücher ersetzt.

Der Held in 'Exodus' ist Ari Ben Canaan, in Palästina geboren, Sohn russischer Juden. Seinen Eltern gelang die Flucht aus Russland. Nach zahlreichen Pogromen in ihrem Dorf ließen sie Hab und Gut zurück und schlugen sich nach Palästina durch. Canaans besondere Fähigkeit war der Schmuggel jüdischer Frauen und Männer in das von den Briten besetzte Palästina.

Das Buch ist eine Hymne auf Hoffnung, Trotz und Beharrlichkeit des Volkes der Juden, dessen Leid und Verfolgung nicht mit dem Ende des 2. Weltkrieges und der Befreiung der Konzentrationslager endete. In der polnischen Stadt Kielce wurden 1946, nach einem Gerücht, Juden hätten ein christliches Mädchen entführt, 42 Überlebende des Holocaust getötet, 80 verletzt. Im ungarischen Dorf Kunmadaras tötete der Mob zwei Juden, 18 wurden schwer verletzt, ihre Wohnungen geplündert. Stalin verfolgte nach Ende des Krieges jüdische Schriftsteller. Im 'Slánský-Prozess' 1952 wurden auf seine Anordnung 13 führende Polit-Funktionäre - die meisten von ihnen Juden -zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Bürokratie

Primo Levi beschrieb in dem Roman 'Die Atempause' seine Rückkehr aus Auschwitz nach Turin durch das zerstörte Europa. Eine Reise, auf der ehemalige Gefangene wieder zu Flüchtlingen wurden. Frauen, Männer und Kinder aus den Lagern sahen sich konfrontiert mit einer schwerfälligen, unwilligen Bürokratie, politischer Sturheit und diskriminierender Verdrängung. Die Freiheit hatten sie sich anders vorgestellt. Helden waren die Soldaten der alliierten Armeen. Sie waren Überlebende, abgemagert, krank, körperlich und psychisch zerstört.

1960 entstand der Film mit Paul Newman, der mit seinem jüdischen Vater aufwuchs, und Otto Preminger als Regisseur. Preminger, aufgewachsen in einer jüdischen Familie in Wiznitz, ehemals Österreich-Ungarn, verließ Wien 1935, wo er das 'Theater in der Josefstadt' leitete. Der Film zeigt Mut und Besessenheit der Vertriebenen , die nichts mehr zu verlieren hatten, auf der Suche nach einem Ort der Sicherheit, um dem ewigen Kreislauf - Fremdheit, Verfolgung, Flucht - zu entkommen.

Palästina

Die Handlung ist einfach: Hunderttausende Flüchtlinge versuchten nach Ende des Krieges, Palästina zu erreichen. Großbritannien wollte dies verhindern und hielt sie in Internierungslagern in Zypern fest. Cagaan schmuggelte 600 von ihnen auf einen alten Luxusdampfer, doch die Briten verweigerten das Auslaufen des Schiffes. Cagaan organisierte einen Hungerstreik. Er gab den Flüchtenden 20 Minuten Bedenkzeit, am Hungerstreik teilzunehmen oder wieder ins Lager zurückzukehren. Die Mehrheit entschied sich für den Streik. Sie warfen die Lebensmittel über Bord, das Schiff wurde in 'Exodus' umbenannt und die weiß-blaue Flagge mit dem Davidstern - die spätere Flagge Israels -gehisst. Die Briten gaben schließlich nach und ließen die 'Exodus' nach Palästina fahren. 'Exodus' zeigt die Hartnäckigkeit der Gründer Israels, nicht aufzugeben, nicht nachzugeben, sich auf niemanden zu verlassen. Die Überlebenden des Holocaust fühlten sich nach ihrer Rettung verstoßen, verjagt und vertrieben. Kein Land wollte sie, keine Regierung bot ihnen eine Heimat, eine Zukunft. Wo immer sie versuchten, sich niederzulassen, schlug ihnen Hass und Feindschaft entgegen. Ihr Leben war zukunftslos, hoffnungslos, sie waren enttäuscht und verbittert.

Gemeinschaft

Ein eigener Staat mit einer jüdischen Bevölkerung schien die einzig lebbare Lösung, zum ersten Mal in der Geschichte Gegenwart und Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, nicht warten zu müssen, ob sie geduldet, akzeptiert, mit Versprechungen vertröstet, die jederzeit widerrufen werden könnten. Irgendwann wieder einem Mob ausgeliefert zu sein, der sich um keine Gesetze kümmert. Seit ewigen Zeiten als Minderheit konfrontiert mit einer feindlichen, unberechenbaren Mehrheit.

Aus dieser Stimmung bildete sich eine Gemeinschaft, die bewusst und unbewusst jedem Ratschlag, jeder Garantie, jedem Vermittlungsversuch, jedem Versprechen, selbst Zustimmung und Lob misstraute - ein Verhalten, das sich bis heute nicht wesentlich geändert hat.

Einen realistischen Bericht über das Schicksal der 'Exodus' lieferte die amerikanische Journalistin Ruth Gruber, die für die "New York Post" und den "New York Herold" über das Schicksal der Überlebenden berichtete. "Wir haben die russische Hölle überlebt, die polnische Hölle und die deutsche Hölle. Wir werden auch die britische Hölle überleben", zitierte sie einen alten Mann.

Seit der Gründung des Staates sind fast 80 Jahre vergangen. Die Bevölkerung Israels wurde größer und größer. Mehr als eine Million aus der ehemaligen Sowjetunion flohen nach Israel. 800.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder wurden aus arabischen Ländern vertrieben und zogen nach Israel. Mit der Operation Moses rettete Israel 8.000 äthiopische Juden.

Misstrauen

Wenn nun Kommentatoren, Politiker und Politikerinnen sich zu Wort melden, wie wichtig ein Waffenstillstand sei, mahnend fordern, die zivile Bevölkerung von Gaza zu verschonen, so prallt das an der Mehrheit der israelischen Gesellschaft ab -egal wo sie politisch steht. Der Überfall und die Morde am 7. Oktober haben die Bevölkerung, nicht nur die jüdische, tief ins Herz getroffen, sie an die grausamsten Verfolgungen erinnert, sie in die Gründungszeit zurückgeworfen. Wir haben nur Israel, wir haben sonst keinen Ort in der Welt, und wir werden ihn nicht zerstören und uns nicht wegnehmen lassen.

Demonstration mit hysterischem Pro-Palästina Gebrülle, Drohungen gegen Israel und offener Judenhass auf Transparenten bestärken das Volk der Juden in und außerhalb Israels, dass sie alleine sind, alleine entscheiden müssen und niemandem trauen können. Zusätzliche Sicherheit für Schulen und Synagogen, Reisewarnungen für Israelis, Prügelattacken gegen 'jüdisch' aussehende Frauen und Männer - glauben die abgehobenen, selbstgefälligen Weisen mit Zurufen aus dem Publikum tatsächlich, dass irgendjemand in Israel sie ernst nimmt?

Bei Gefahr schließt sich die politische und religiöse Spaltung der Israelis, der Diaspora. Es tritt geschlossen gegen den Feind auf, ignoriert Warnungen, Drohungen, Ermahnungen und gutgemeinte Ratschläge. Aus einem einfachen Grund: Sie misstrauen aufgrund ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen allen Versprechungen, Übereinkommen, Verträgen und Zusagen. Die Welt wird sich damit abfinden müssen, dass Israel unbeirrt und unbeeinflusst selbst entscheidet, wann dieser Kampf zu Ende sein wird.