Herausforderung von

Altersdepression:
Eine Waffe gegen Trübsal

Seelische Erkrankungen alter Menschen sind ein Tabuthema

Altersdepression © Bild: iStockphoto/NADOFOTOS

Die Altersdepression stellt die alternde Gesellschaft vor große Herausforderungen. Und doch ist sie ein Thema, über das man nicht spricht. Dabei wäre es gar nicht so schwierig, den Betroffenen zu helfen.

Onni ist ein Profi. Vor zehn Minuten ist der zweijährige, quirlige Mischlingshund mit dem wuscheligen Fell noch durch die matschigen Weinberge Döblings getollt. Doch jetzt, wo sich die Glastür öffnet, wird er sofort ruhig. Onni kennt die Tür und seine Aufgabe. Er weiß, dass er jetzt gleich arbeiten wird. In seinem Job als Waffe gegen Trübsal, Einsamkeit und ein wachsendes Problem der österreichischen Gesellschaft, über das nicht so viel gesprochen wird: die Altersdepression.

Die Depression ist eine "Volkskrankheit". Laut einer Gesundheitsbefragung der Statistik Austria aus dem Jahr 2014 leiden 7,7 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher unter dieser ernst zu nehmenden psychischen Erkrankung. 20 Prozent durchlaufen mindestens einmal im Leben eine depressive Phase, die oft komplexe Ursachen hat. "Eine Depression ist in jeder Phase des Lebens multikausal, wird also durch ein Zusammenspiel von Faktoren ausgelöst", sagt Asita Sepandj, ärztliche Leiterin des Gerontopsychiatrischen Zentrums in Wien. Genetische Disposition spiele eine Rolle, aber auch die Lebensumstände und traumatische Ereignisse können eine Rolle spielen.

Blinde Flecken

Lange Zeit galt die Depression als Tabukrankheit. Das hat sich gewandelt, vor allem bei jüngeren Menschen. Man kann über psychische Erkrankungen und Therapien besser reden als vor zehn Jahren. Doch es bleiben blinde Flecken, über manches redet man weiterhin ungern. Zum Beispiel über Depressionen im Alter. Was auch mit den Patienten selber zu tun hat, die noch in Zeiten aufgewachsen sind, wo man sich bei psychischen Problemen "einfach zusammengerissen" hat. Die alternden Patienten stigmatisieren sich selbst.

Dass Depressionen im Alter vermehrt auftreten, ist eigentlich logisch. Das Gehirn verändert sich, schmerzhafte Erkrankungen schränken die Lebensqualität ein. Aber vor allem begünstigen die sozialen Faktoren die Entwicklung der Erkrankung. Das soziale Umfeld löst sich auf, der Partner stirbt, Bezugspersonen werden weniger. Das Alter geht oft auch mit einem konstanten Verlust des Selbstwertgefühls einher. Die Einsicht, dass man nicht mehr gebraucht wird, macht sich breit. Eine tiefe Kränkung.

Wie häufig die Depression im Alter genau ist, ist schwierig zu sagen. Es gibt Schätzungen, nach denen ein Drittel der Pensionisten betroffen sein soll. Doch die meisten Experten, die man fragt, nennen etwa zwölf Prozent der über 65-Jährigen als realistisch. Also eine leichte, aber doch deutliche Häufung gegenüber der Gesamtbevölkerung. Bei den etwa 65-Jährigen herrschen leichte Depressionen vor, im späteren Verlauf des Alters werden sie tendenziell schlimmer. Anders als in jungen Jahren ist auch die Möglichkeit einer Spontanheilung, also einem Rückzug der Krankheit ohne Behandlung, vermindert. Und vor allem ist die Altersdepression eine dieser Krankheiten, die durch die demografische Entwicklung automatisch zunimmt: 2030 werden bereits 2,1 Millionen Menschen in Österreich über 64 Jahre alt sein.

Wozu das alles?

Altersdepression ist abstrakt, Geschichten wie die von Monika F. und ihrer Mutter sind konkret. "Meine Mutter war nach dem Tod ihres zweiten Mannes allein", sagt F. Sie besucht ihre Mutter, kümmert sich um sie, so gut es geht, hat aber auch selbst noch Kinder. Die Sandwichgeneration eben -Menschen, die sich um sich, die Generation über und unter sich sorgen müssten. Eines Tages bricht sich die Mutter den Oberschenkelhals. Es folgt eine lange Reha, irgendwann dann das Heim. Ihre Mutter erträgt das alles stoisch, aber mit immer leerer werdenden Augen. "Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie eigentlich gar nicht mehr will", sagt F. Eigentlich will ich nicht mehr - einer der Sätze, den viele kennen, die mit alten Menschen arbeiten. Oder auch: wozu das alles noch?

Ja, wozu? Das ist das Schwierige bei der Therapie von Altersdepression, sagen auch Experten. In jüngeren Jahren setzt Therapie bei Depressionen häufig an, den Patienten zu helfen, in ihrem Leben wieder eine Perspektive, eine Bestimmung zu sehen. Das Heim ist für viele Menschen real und gefühlt die letzte Station. Da ist es schwer, ihnen noch einen Sinn zu vermitteln.

Häufig unerkannt

Das Problem beginnt aber schon einen Schritt früher, bei der Diagnose. Ein Grundproblem ist, dass Altersdepression oft nicht erkannt wird. Es gibt Untersuchungen, nach denen Hausärzte 40 bis 50 Prozent der Depressionen im Alter nicht als solche identifizieren.

Warum ist das so? Zum einen stehen bei älteren Menschen die somatischen, also körperlichen Beschwerden im Vordergrund. Viele sind multimorbid, leiden also an mehreren Krankheiten. Wenn jemand mit chronischem Bluthochdruck und einer akuten Entzündung in die Ordination kommt, gerät die leichte Depression darüber gerne mal in den Hintergrund.

Unspezifische Symptome

Es gibt aber noch zwei weitere Gründe, die die Diagnose erschweren. Zum einen zeigen Depressive im Alter nicht mehr unbedingt die typischen Symptome. "Die wichtigsten Indikatoren für eine Depression sind normalerweise Traurigkeit, Motivationsschwäche und Interessenlosigkeit. Die fehlen im Alter häufig", erklärt Andreas Fellgiebel, Chefarzt der Gerontopsychiatrie der Uniklinik Mainz. Die Symptome seien viel unspezifischer. "Bei einer Depression im Alter klagen die Menschen zum Beispiel oft beim Arzt darüber, dass ihnen morgens immer schlecht sei." Auch "innere Unruhe" sei so ein häufig genanntes Symptom. Dagegen würden die Ärzte dann ein Benzodiazepin, einen Tranquilizer, verschreiben, anstatt die zugrunde liegende Depression zu erkennen. Auch, sagt Fellgiebel, weil es an Fachwissen fehle.

Doch selbst wenn die Symptome eigentlich typisch, die Menschen traurig und antriebslos sind, wird das in der Gesellschaft zu oft als "normale" Begleiterscheinung des Alters akzeptiert. "Das ist eigentlich die Grundfrage dahinter: Was für ein Bild haben wir von älteren Menschen?", sagt Josef Marksteiner, Vorstand der Psychiatrie und Psychotherapie im Landeskrankenhaus Hall. "Sehen wir diese Symptome als etwas an, das man halt aushalten muss, oder haben wir den Willen, sie zu behandeln?"

Behandeln heißt natürlich auch immer "reparieren". Von alten Menschen wird weniger erwartet, in der Gesellschaft zu funktionieren, also ist auch das Interesse an einer Reparatur geringer. Daneben gibt es noch einen sehr unangenehmen Aspekt, über den man in der Öffentlichkeit nicht so gerne spricht. Depressive Menschen stellen weniger Ansprüche, machen in der Pflege in den Heimen weniger Arbeit. Sie sind also bis zu einem gewissen Maß "praktisch". Dabei ist die Depression im Alter genauso wenig ein unveränderbares Schicksal wie in jüngeren Jahren. Niemand muss still leiden, es gibt Therapiemöglichkeiten mit guten Erfolgsaussichten.

Eine Depression mit 65 Jahren lässt sich nicht besser oder schlechter behandeln als eine mit 25 Jahren. Grundsätzlich stehen die medikamentöse Therapie, die Psychotherapie und die multimodale Therapie zur Verfügung. Letztere kombiniert verschiedene Therapieformen. "Die Therapien unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen in anderen Lebensphasen, in der konkreten Ausformung aber schon", sagt Andreas Fellgiebel. Bei der Behandlung mit Antidepressiva müsse zum Beispiel stärker auf die Veränderungen im Körper und auf die Wechselwirkung mit anderen Medikamenten Rücksicht genommen werden.

Auch die Psychotherapie verändere sich ein wenig, um auf die kognitiven Fähigkeiten der älteren Patienten einzustellen. "Bei jüngeren Menschen ist das Ziel der Psychotherapie eher, dass sie selbst auf Lösungsvorschläge kommen", sagt Fellgiebel. Im Alter muss der Therapeut oft konkretere Lösungsvorschläge geben und sie mit den Patienten besprechen. Worin sich alle Experten einig sind: Aktivierung ist das A und O.

Tierische Therapeuten

Zum Beispiel eben mit Onni. Der haarige Therapeut sitzt im Gemeinschaftsraum des "Haus Döbling" am Ende eines langen Korridors am Boden und schaut gespannt auf einen großen Würfel. Um ihn herum haben sich 16 betagte Frauen und Männer versammelt. Jedes Mal, wenn der Würfel geworfen wird, ist auf der Oberseite ein Kommando für Onni zu sehen. Sitz, Platz, gib Pfote. Der Hund befolgt sie brav und wird mit Leckerli und Streicheleinheiten von faltigen Händen belohnt.

Onni entlockt den alten Leuten der Reihe nach ein Lächeln. Ingrid Baumgartner, Jahrgang 1937, beginnt plötzlich aus ihrer Jugend zu erzählen. Der Hund bringt Leben in die Runde. Onni ist übrigens Finnisch und heißt "Das Glück".

Das "Haus Döbling" ist ein vielfältiges soziales Biotop. Unter dem Dach des großen Komplexes gibt es ein Pensionistenheim, zwei Kindergärten und Wohnungen für Flüchtlinge. Die verschiedenen Module leben nicht nur nebeneinander, sondern treffen sich auch in regelmäßigen Abständen zu gemeinsamen Aktivitäten.

Freiwillige Helfer beschäftigen sich mit den alten, jungen und/oder geflüchteten Menschen. Wie Salla Feil, "Fachkraft für tiergestützte Therapie" in Ausbildung, die gemeinsam mit Onni, Therapiehund in Ausbildung, jede Woche die Gruppe in Döbling besucht.

"Es ist sehr schön, zu sehen, wie die alten Menschen aufblühen", sagt Feil. Einfach sei das Ganze allerdings nicht: Die Heimbewohner sind unterschiedlich aktiv und von unterschiedlicher körperlicher und geistiger Fitness. Auch für den Therapiehund sei das unheimlich anstrengend, mehr als eine Stunde sei ihm nicht zuzumuten.

Tiertherapien haben sich als ziemlich effektiv erwiesen, sagen Experten. Auch Bewegungstherapien seien sehr wichtig. In den "Häusern zum Leben" werden viele solche Aktivitäten angeboten, vom Meerschweinchen-Besuch bis zum Gärtnern. Gerne auch mit einer Portion Selbstständigkeit und Verantwortung, sofern es eben geht. "Wir versuchen, den Menschen zu zeigen, dass sie gebraucht werden und ihr Leben noch eine Perspektive hat", sagt Direktor Karl Pichler-Bittner. "Da können oft schon kleine Dinge helfen, und sei es nur, dass man sich um ein Blumenbeet kümmert."

Wenig erforscht

Auch wenn die Altersdepression häufig neben Problemen wie Demenz in den Hintergrund gerät, stellt sie die alternde Gesellschaft vor enorme Herausforderung. Dafür ist das Thema eigentlich vor allem in Österreich allerdings noch sehr wenig erforscht. Aktuelle Zahlen, wie viele Antidepressiva in Altersheimen verschrieben werden, gibt es zum Beispiel nicht. "In den 90er-Jahren wurden 90 Prozent der Depressionen in Pensionistenheimen gar nicht behandelt", sagt Johannes Wancata von der Sozialpsychiatrie der Med Uni Wien. "Wir nehmen stark an, dass sich das heute verbessert hat, genau wissen wir es nicht."

In einem sind sich die Experten einig: Es braucht ein Umdenken, was zum Leben dazugehört, wenn man älter wird. Und was Behandlung bedarf, sei es durch Psychotherapie, Aktivierung oder Medikamente. "Alte Menschen haben genau dasselbe Recht auf psychische Gesundheit wie junge", sagt Wancata. "Es ist kein Naturgesetz, dass man sich im Alter schlecht fühlt."

Dieser Artikel ist erschienen im News Nummer 4/2018.