"Golfsburg" wird 75 Jahre

Volkswagen sieht keinen Grund zu feiern: "War reine Nazi-Propagandaveranstaltung"

Das VW-Werk in Wolfsburg hätte einen Grund zum Feiern, legt jedoch keinen Wert darauf: "Das war doch eine reine Nazi-Propagandaveranstaltung", kommentiert ein VW-Sprecher das 75-Jahr-Spektakel am 26. Mai 1938, als Adolf Hitler den Grundstein legte für das Werk für den neuen Kraft-durch-Freude-Wagen, der später Weltgeltung als Volkswagen bekam. Die Stadt Wolfsburg dagegen möchte gerne feiern, hat sich aber einen anderen Termin herausgepickt: Am 1. Juli 1938 kam vom Oberpräsidenten in Hannover der Erlass zur Gründung der "Stadt des KdF-Wagens". Damals lebten dort in drei Flecken kaum 900 Menschen.

von Das VW-Werk in Wolfsburg. © Bild: APA/DPA/Luebke

Und so feiern mehr als 120.000 Wolfsburger - der Name wurde 1945 gewählt - in diesem Sommer das 75. Jubiläum der Gründung ihrer Stadt. Die Firma und die Stadt, beide haben eine wechselvolle Geschichte erlebt. Der Käfer ging vor dem Krieg nicht mehr in die Serienproduktion. Produziert wurden vor allem Kübelwagen für die Wehrmacht und anderes militärisches Material. Tausende von Zwangsarbeitern schufteten unter unmenschlichen Bedingungen für die Rüstungsindustrie.

80.000 Mann waren am 26. Mai 1938 aufmarschiert, Hitler und der Käfer-Konstrukteur Ferdinand Porsche fuhren im Cabrio durch die Reihen. Im Krieg war Anton Piëch, Schwiegersohn von Porsche, lange Zeit Leiter des Werks. Und es war ausgerechnet dessen Sohn Ferdinand Piëch, der als Vorstandsvorsitzender des Konzerns Ende der 90er Jahre die zähe Diskussion in Deutschland über Entschädigungszahlungen für die ehemaligen Zwangsarbeiter mit einem Paukenschlag voran brachte. VW preschte vor, legte einen eigenen Entschädigungsfonds auf, ließ die schmachvolle Vergangenheit von Historikern untersuchen.

Zu diesem Zeitpunkt wurde der legendäre Käfer nur noch in Mexiko produziert. Neben dem Golf und den Transportern hatte sich längst der Passat als weiteres Massenprodukt etabliert. Tochter Audi stieg zum Premium-Hersteller auf, die spanische Seat und die tschechische Skoda wuchsen mit, es gibt Edelmarken wie Bentley und Bugatti, Lamborghini und den Motorradhersteller Ducati. Als Aufsichtsratsvorsitzender trieb Firmenpatriarch Piëch auch den Kauf der Lastwagenhersteller Scania und MAN voran. Die Affäre rund um Lustreisen für Betriebsräte konnte den Konzern nicht stoppen auf seinem Weg zum unangefochtenen Marktführer in Europa.

Machtkampf innerhalb von VW

Auch der Machtkampf zwischen dem neuen Großaktionär Porsche und dem Land Niedersachsen als Minderheitsaktionär mit Sperrminorität bremste den Aufstieg zum Konzern nicht. Als sich 2009 Porsche-Chef Wendelin Wiedeking endgültig verspekuliert hatte bei dem Versuch, zum Alleinherrscher in Wolfsburg aufzusteigen, sorgte Piëch dafür, dass Porsche als weitere Nobelmarke unter das Wolfsburger Dach schlüpfte.

Als damals der Machtkampf tobte, haben sie im Wolfsburger Rathaus und in der ganzen Stadt gezittert. "Ihr" Konzern als Tochter eines schwäbischen Sportwagenherstellers, diese Frage betraf nicht nur die Ehre, sondern langfristig auch die Prosperität der Stadt. Wolfsburg hat dank VW die höchsten Gewerbesteuereinnahmen aller niedersächsischen Kommunen, das Werk am Ort allein über 50.000 Beschäftigte, es gibt die Autostadt, Museen auf Weltniveau und natürlich auch den Fußballbundesligisten VfL Wolfsburg.

"Golfsburg"

"VW ist Wolfsburg" lautet die Devise, und entsprechend sprechen die Wolfsburger auch mal gerne über ihre Heimatstadt als Golfsburg. Das wirkt platt - aber es stimmt tatsächlich. Eine Stadt, die quasi im Drei-Schicht-Betrieb tickt, vorgegeben vom Werk jenseits des Mittellandkanals. Eine Stadt, die im Sommer in den Werksferien mehrere Gänge zurückschaltet, eine Stadt, in der Anfang der 90er Jahre die Baumärkte einen ungeahnten Aufschwung nahmen, weil VW in der Absatzkrise die 28-Stunden-Woche einführte.

Wer mit der Bahn nach Wolfsburg kommt und durch die Stadt schlendert, sieht die Kulisse der größten europäischen Automobilfabrik, spürt das Vibrieren aus dem Presswerk, und merkt irgendwann, dass etwas fehlt: In der auf dem Reißbrett geplanten und erst nach 1945 gebauten Stadt gibt es keine alten Kirchen, kein Fachwerk und keine Gründerzeitvillen. Wer etwas sehen will, das älter ist als 75 Jahre, sollte in den Stadtforst mit seinen bis zu 150 Jahre alten Eichen gehen.

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