Vorzugsschüler darf bald ins Euro-Land:
Estland führt ab 1. Jänner den Euro ein

Baltischer Staat gilt als europäischer Vorzugsschüler Experten: Logischer Schritt trotz Schuldenkrise in EU

Vorzugsschüler darf bald ins Euro-Land:
Estland führt ab 1. Jänner den Euro ein © Bild: AP/Timur Nisametdinov, NIPA

Mitten in der Schuldenkrise bekommt die Euro-Zone Zuwachs und niemanden beunruhigt es. Was zunächst wie ein Paradoxon klingt, entpuppt sich im Falle von Estland als gar nicht abwegig. Der Beitritt des baltischen Staates am 1. Jänner gilt schlichtweg als logischer Schritt. Estland weist in Europa eine der niedrigsten Staatsverschuldungen auf und hat die Währungsumstellung von Krone zu Euro langfristig vorbereitet. Der Beitritt des "Vorzugsschülers" zur Währungsunion werde ähnlich problemlos ablaufen wie der Einstieg Maltas oder Sloweniens, sagte Michael Schubert, Analyst der Commerzbank.

Die Regierung in Tallinn hofft darauf, durch den Euro neue ausländische Investoren anzulocken und den Handel zu stärken. Zudem ist es für das 1,3 Millionen Einwohner zählende nordeuropäische Land ein weiterer Schritt in Richtung Westen - heraus aus der Umklammerung des mächtigen Nachbarn Russland. Der Este denkt wahrscheinlich gar nicht in diesen Dimensionen. Er hofft, Geld zu sparen. Vor allem Hausbesitzer profitieren, ihre Hypotheken laufen bei den großen in Estland tätigen ausländischen Geldhäusern wie der Swedbank, SEB und Nordea längst in Euro.

Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) verweist auf die Errungenschaften Estlands. Das Land sei kaum verschuldet und politisch stabil, erklärt Heinemann. Deswegen müsse der Beitritt zur Euro-Zone auch in der Schuldenkrise vollzogen werden. "In der Krise innezuhalten und den Prozess zu stoppen, wäre Panikmache."

Kein Interesse in Polen und Tschechien
Während Estland mit dem Euro-Beitritt große Erwartungen verknüpft, ist das Interesse anderer Mitgliedskandidaten wie Polen und Tschechien mit den Rettungsaktionen der Euro-Zone für Griechenland und Irland rapide gesunken. Seit an den Kapitalmärkten Unsicherheit über die Stärke der Währungsgemeinschaft herrscht und die Angst vor einer Transferunion umgeht, sind die Staaten zu Bedenkenträgern geworden. Eile bei der Einführung der Gemeinschaftswährung verspüren sie schon lange nicht mehr.

Dazu tragen auch die Zweifel über die Bewältigung der Schuldenkrise in Portugal und Spanien bei. Diese Länder zeigten, dass auch ein Euro-Land an den Märkten hohe Refinanzierungskosten haben könne, merkte JP Morgan an. "Es gibt mehr Risiken, wenn man in der Euro-Zone ist als wenn man nicht in ihr ist", sagte jüngst der polnische Notenbankchef Marek Belka. Die Möglichkeit der Landeswährung Zloty zur Abwertung hat wohl hauptsächlich dazu beigetragen, dass das Nachbarland Deutschlands im vergangenen Jahr nicht in die Rezession rutschte.

"Zurückhaltung ist das Gebot der Stunde", umschreibt LBBW-Analyst Jens-Oliver Niklasch die Stimmung dieser Länder. JP Morgan hat unlängst seine Erwartungen deutlich zurückgeschraubt und rechnet jetzt frühestens für 2019 mit einem Beitritt Polens und Ungarns - etwa fünf Jahre später als zunächst erwartet. Die anderen Baltik-Staaten Litauen und Lettland dürften es nach Einschätzung von Capital-Economics-Ökonom Neil Shearing frühestens 2015 schaffen.

Kommission überrumpelt EZB
Wäre es nach der EZB alleine gegangen, würde Estland zum 1. Jänner zum 17. Mitglied der Währungsunion. Die Notenbank hatte im Frühjahr Vorbehalte gegen einen Beitritt geäußert. Es sei fraglich, ob das baltische Land seine Inflation gut genug im Griff habe, hieß es damals. Die EU-Kommission hatte Mitte Mai die EZB überstimmt und grünes Licht für die Aufnahme der Esten in die Euro-Zone gegeben. Die Inflation des Ostsee-Anrainers ist zuletzt gefallen. Für kommendes Jahr rechnet die Notenbank mit einem Wirtschaftswachstum von 3,9 Prozent.

(apa/red)