Vorsicht statt Nachsicht bei Finanzkrisen? Marktbeobachtungsgremium vorgeschlagen

Zur Früherkennung heraufziehender Schwachstellen Internationale Großbanken ziehen Konsequenzen

Die internationalen Großbanken wollen als Konsequenz aus der Finanzkrise mit einem eigenen Gremium zur Marktbeobachtung und einem Verhaltenskodex früher als bisher auf künftige Turbulenzen reagieren. Ziel der "Gruppe zur Marktüberwachung" (MMG) sei, "neue, heraufziehende Schwachstellen in den Märkten und im Finanzsystem besser und früher zu erkennen", sagte der Präsident des Internationalen Bankenverbandes (IIF), Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, in Washington. Bei einer ganzen Reihe von Finanzfirmen habe es "ernsthafte Schwächen in den Geschäftspraktiken gegeben, die erheblich zu den breiteren Folgen für die Finanzindustrie und für die ganze Wirtschaft beitrugen".

Ackermann legte einen eigenen Verhaltenskodex und Reformempfehlungen für die Finanzindustrie vor. Bezweckt ist, in der Branche vor allem ein besseres Risikomanagement zu erreichen. Es soll aber auch zu mehr Transparenz bei komplizierten Produkten und einer Managerbezahlung führen, die keine exzessiver Risikobereitschaft zur Folge hat.

Er erwarte, dass die meisten Vorschläge bereits bis zum Jahresende umgesetzt seien, sagte Ackermann. Sie seien "ein bedeutender Beitrag zur Stärkung des Finanzsystems, vor allem, wenn sie mit effektiven Schritten von staatlicher Seite kombiniert werden".

Notwendigkeit eines "offenen Dialogs"
Mit Blick auf die umstrittene Anpassung der Bilanzregeln, die der Finanzbranche künftig den Ausweis allzu hoher Verluste ersparen sollen, sagte der Mitverfasser des Kodex', Cees Maas, man sehe die Notwendigkeit eines "offenen Dialogs" mit allen Beteiligten.

Bei einem starken Verfall von Wertpapier-Kursen sollen die Banken eine Bilanzierung vornehmen können, die diesen Verlust nicht in voller Höhe abbildet. Hintergrund dafür ist der drastische Kursverfall bestimmter Papiere als Folge der Finanzkrise. Der Punkt stößt bei den Aufsichtsbehörden auf Kritik und hatte auch innerhalb des Bankenverbands heftige Debatten ausgelöst und zu einem Eklat geführt. Die weltweit führende US-Investmentbank Goldman Sachs fürchtete mangelnde Transparenz und war Anfang Juni aus Protest gegen die Pläne aus dem Internationalen Bankenverband ausgetreten.

Maas zeigte sich überzeugt, dass die vorgestellten Maßnahmen von den Finanzinstituten auch wirklich umgesetzt werden. "Wir sind zuversichtlich, dass dieser Bericht sehr ernst genommen wird."

Ackermann machte deutlich, dass er von Krisenwarnungen eines brancheneigenen Gremiums zur Marktüberwachung eine größere Wirkung auf die Finanzindustrie erwarte als etwa durch entsprechende Hinweise von Zentralbanken. Zwar habe es Warnsignale der Notenbanken gegeben. "Aber sie hatten keine Zugkraft oder Einfluss auf die Industrie."

Der Deutsche-Bank-Chef unterstrich, der Verhaltenskodex sei nicht zur "Selbstverteidigung" der Branche gegen eine verschärfte staatliche Aufsicht gedacht. "Es hängt von den Regulierern ab, was sie als zusätzliche Schritte für nötig erachten", sagte Ackermann. Bei der Vorstellung eines Entwurfs der Empfehlungen im April hatte er noch erklärt: "Wir sind der Meinung, dass es jetzt absolut falsch wäre, verfrüht nach regulatorischen Maßnahmen zu rufen." Die Finanzindustrie habe die Initiative ergriffen, "um zu zeigen, dass wir in der Branche einen besseren Job machen können".

Der IIF machte aber auch deutlich, dass selbst mit einem eigenen Mechanismus zur Marktüberwachung und einem Verhaltenskodex Finanzturbulenzen auch künftig nicht zu verhindern sein werden. "Es wird wieder Krisen geben", sagte der Vorstandchef der kanadischen Scotiabank, Rick Waugh. Dem Internationalen Bankenverband gehören mehr als 375 führende Banken und Kreditinstitute weltweit an.

(apa/red)