Von der Altsteinzeit bis zum großen Fund:
Die (Ge)Schichte der "Venus von Willendorf"

Willendorf diente als Siedlung für Jäger und Sammler Kalkstein-Statuette bei Bahn-Ausgrabungen gefunden

Die "Venus von Willendorf" entstammt einer Fundschicht knapp unterhalb der "Kulturschicht 9" der Fundstelle Willendorf II, die damit auch zur "Venusschichte" wurde. Die Figur wurde am 7. August 1908 "in einer Tiefe von etwa 25 Zentimetern unter der ungestörten Aschenschichte", die zu dieser Kulturschicht zählt, entdeckt, wie der an den Grabungen beteiligte Josef Bayer 1910 im "Neuen Wiener Tagblatt" berichtete. Auch wenn es vorher bereits Funde von Venusfiguren gab, die "Venus von Willendorf" war zur Zeit ihrer Entdeckung die erste vollständige Statuette der Altsteinzeit.

Von der Altsteinzeit bis zum großen Fund:
Die (Ge)Schichte der "Venus von Willendorf"

Diverse Fundstellen in Willendorf waren bereits vor dem Jahr der Entdeckung bekannt. Sie wurden durch den Bau der Bahnlinie zwischen Krems und Grein weiter aufgeschlossen. In Zuge der mit den Bahnarbeiten verbundenen systematischen Ausgrabungen wurde die "Venus von Willendorf" entdeckt: Grabungsleiter war Josef Szombathy, damaliger Chef der prähistorisch-ethnographischen Sammlung des Naturhistorischen Hofmuseums und langjähriger Kenner des Fundplatzes Willendorf. Durchgeführt wurden die Grabungen von den Prähistorikern Josef Bayer und Hugo Obermaier. "Der Finder hieß Johann Veran. Szombathy stand bei ihm, als er die Venus fand. Bayer war nicht weit entfernt davon", so Walpurga Antl-Weiser vom Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien.

Die Grabungsstätte Willendorf liegt am linken Donauufer in der Wachau (Niederösterreich) und bietet tiefe Einblicke in die Altsteinzeit, das Paläolithikum. Im Bodenprofil von Willendorf fanden die Forscher laut Antl-Weiser insgesamt neun "Kulturschichten" und darin "Reste mehrerer altsteinzeitlicher Lagerplätze" mit Spuren der Eiszeitjäger, die zur damaligen Zeit durch die Gegend streiften. Steinwerkzeuge und andere Funde lassen Aufschlüsse über das Leben der Eiszeitmenschen zu.

Klimatische Veränderung
Vor rund 26.500 Jahren gab es in der Gegend eine klimatische Veränderung: Einer Periode ausgeprägter Kälte und des Permafrosts folgte eine Zeit der Löss-Anwehungen, die bis vor rund 24.000 Jahren andauerten. In eben diese Zeitspanne, in der die Forscher eine Jahresmitteltemperatur von sechs bis acht Grad Celsius unter der heutigen vermuten, wird die "Venus von Willendorf" datiert.

Zirben, Rotföhren und Fichten besiedelten damals laut Antl-Weiser vereinzelt die Steppenlandschaft bei kaltem und trockenem Klima. Neben den eiszeitlichen Jägern und Sammlern zogen Mammut, Wollhaarnashorn, Wildpferd, Rentier, Steinbock, Eisfuchs, Schneehase und Wolf über die Steppe. Die Ergebnisse der Forscher deuten darauf hin, "dass Willendorf ein Lagerplatz war, der jeweils für längere Zeit im Jahr genutzt wurde", so Antl-Weiser - und zwar eher zur Winterzeit.

Jäger besiedelten die Gegend
So könnten sich etwa die zwischen 15 und 25 Personen großen Gruppen von Jägern und Sammlern vom Herbst bis Frühjahr in Willendorf angesiedelt haben. Teile der Gruppe könnten von dort aus "Expeditionen" unternommen haben, um Rohmaterialien zu suchen, Früchte zu sammeln und auf die Jagd zu gehen.

Die rund 25.000 Jahre alte, elf Zentimeter große "Venus von Willendorf" ist aus feinem Kalkstein (Oolith) und wurde mit Feuersteinwerkzeugen hergestellt. Die Figur der nackten und fettleibigen Frau mit ausgeprägten Brüsten, Bauch und Hüften war ursprünglich mit roter Farbe bemalt.

Weitere Venusfigur aus Willendorf
Aus Willendorf gibt es eine zweite, etwas jüngere Venusfigur aus Elfenbein, "die aber eher wie ein Entwurf aussieht" und der der Kopf fehlt, so die Prähistorikerin. Als "Venus 3 von Willendorf" bezeichnet wird ein bearbeitetes Stück Elfenbein, "das von der Silhouette her mit gutem Willen einer menschlichen Figur gleicht - aber nicht wirklich."

Auch oft als "Venus" bezeichnet wird die älteste Frauendarstellung, die jemals in Österreich gefunden wurde: die rund 32.000 Jahre alte "Fanny vom Galgenberg". Sie stellt allerdings im Gegensatz zu den späteren Venus-Statuetten eine schlanke Frau in einem Moment der Bewegung dar. Laut Antl-Weiser dürfte sie auch "die älteste Frauendarstellung überhaupt" sein.

(apa/red)