Vom Unsicherheitsfaktor zu verlässlichem Rückhalt: DFB-Goalie Lehmann will den Titel

38-jähriger Keeper steigerte sich von Spiel zu Spiel Erster großer Titelgewinn mit Nationalteam möglich

Vom Unsicherheitsfaktor zu verlässlichem Rückhalt: DFB-Goalie Lehmann will den Titel © Bild: Reuters/Zolles

Auf dem Platz extrem unsicher und über den EM-Ball "Europass" beklagend hat man Deutschlands Fußball-Teamgoalie Jens Lehmann vor und zu Beginn der EURO erlebt. Im Verlaufe des Turniers in Österreich und der Schweiz hat sich das große Frage-, hinter der DFB-Nummer eins, aber in ein Rufzeichen verwandelt. Der 38-Jährige steigerte sich von Spiel zu Spiel und war vor allem im Viertelfinale gegen Portugal (3:2) der erhofft starke Rückhalt für die Truppe von Teamchef Joachim Löw. Die wohl letzte Chance auf seinen ersten großen Titelgewinn (im sechsten Anlauf) mit der DFB-Elf ist somit weiter intakt.

Der Bundestrainer wurde damit in seiner Entscheidung, auf den Ex-Arsenal-Goalie zu setzen, bestätigt. "Die Leistung von Jens war für mich nicht überraschend, weil wir immer an seine Qualitäten geglaubt haben", sagte Löw. Der Chefcoach sprach dem Routinier schon sehr früh in der Vorbereitung das Vertrauen aus, und das obwohl ihm die Spielpraxis gefehlt und er mehrmals gepatzt bzw. unsicher ausgesehen hatte.

So leistete sich der 38-Jährige, der bis zu dieser Partie fast unglaublicherweise 681 Länderspielminuten ohne Gegentreffer geblieben war und damit einen Verbandsrekord aufgestellt hatte, etwa im vorletzten EM-Testspiel gegen Weißrussland (2:2) einige bedenkliche Schnitzer, wirkte unkonzentriert und erinnerte in einigen Szenen eher an einen verunsicherten Volleyballer als eine souveräne Nummer eins.

Bierhoff steht auf Lehmann
Während die Leistung Lehmanns für die Medien stets ein gefundenes Fressen war, stärkte das Betreuerteam dem Führungsspieler immer wieder den Rücken und blieb auch optimistisch. "Wir haben immer gesagt, dass wir auf Jens bauen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Und DFB-Tormanntrainer Andreas Köpke erwähnte: "Ich habe Jens nie so kritisch gesehen".

Gegen Polen (2:0) und Kroatien (1:2) habe der Neo-Stuttgarter (Einjahresvertrag) bei der EM noch "kleine Unsicherheiten" gehabt. "Gegen Österreich und Portugal war er ein starker Rückhalt, vor allem auch sicher bei hohen Bällen. Er zeigt jetzt jene Leistung, die wir von ihm erwarten", lobte Köpke. Und Löw merkte an: "Er strahlt Ruhe und Sicherheit aus."

147 Einsätze für Arsenal
Zurückzuführen ist die Leistungssteigerung sicher auch auf das intensive Training im Camp in Tenero mit dem EM-Ball, an den sich der Ex-England-Legionär (147 Einsätze für Arsenal) endlich gewöhnt zu haben scheint. Dazu macht auch die im Vergleich zur Vorbereitung wiedererstarkte Abwehr Lehmann das Leben deutlich leichter.

Und die Spielpraxis hat der langjährige DFB-Teamspieler, der am Mittwoch (20.45 Uhr/live auf news.at) im Halbfinale gegen die Türkei zum 60. Mal im deutschen Tor stehen wird, nun auch. Während er bei Arsenal in der abgelaufenen Saison nur sieben von 38 Meisterschaftsspielen sowie drei Einsätze im FA-Cup und in der Champions League absolviert hatte, steht bei der EM das fünfte Spiel innerhalb von 18 Tagen an. Von einer fehlenden Matchpraxis kann also nun keine Rede mehr sein.

Lehmann ist fit
Köpke setzt vor allem in der turnierentscheidenden Phase auf den ältesten Spieler im Team. "Je höher der Druck, umso stärker wird Jens Lehmann", merkte der DFB-Torwartcoach an.

Der 38-Jährige ist dieser Tage aber auch abseits des Rasens eine wichtige Figur im Team des dreifachen Europameisters. "Er hat es bei dieser EM von der ersten Minute an umgesetzt, als Führungsspieler voranzugehen", erklärte Köpke. Und Kapitän Michael Ballack fügte hinzu: "Solche Stützen wie Jens Lehmann braucht jedes Team, das erfolgreich sein will. Er hat einen positiven Einfluss". Auch auf dem Rasen macht sich Lehmann wieder mehr bemerkbar. "Weil man von hinten oftmals Dinge einfach besser sieht", sagte Lehmann.

Letzte Möglichkeit für großen Titel
Für den Ex-Dortmunder ist es wohl die letzte Chance, einen großen Titel mit der Nationalelf einzufahren. Bei den WM-Turnieren 1998 (Viertelfinale) und 2002 (Finale) war der 38-Jährige genauso wie bei den EM-Endrunden 2000 und 2004 (jeweils Out nach Gruppenphase) nur Ersatz. Bei der Heim-WM 2006 gewann der dreifache Familienvater zwar das Duell mit Oliver Kahn um die Nummer eins im Team, am Ende reichte es aber "nur" zu Rang drei.

Hinter der Hand wird damit gerechnet, dass die Teamkarriere des Routiniers, die am 18. Februar 1998 in einem Testspiel gegen den Oman (2:0) begonnen hat, nach der Endrunde zu Ende geht, Deutschland damit mit einer neuen Nummer eins in die Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika gehen muss. "Keiner weiß, was nach der EM passiert", sagte Köpke, der aber ohnehin auch viel Vertrauen in seine beiden Ersatzgoalies hat. "Robert Enke und Rene Adler machen einen sehr guten Eindruck, sie lassen sich nicht hängen", so der Tormanncoach.
(apa/red)

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