Vom Skandal der Nation zum Staatspreis: Hermann Nitsch feiert seinen 70. Geburtstag

Freund schenkte ihm ein eigenes Museum in Neapel Heute genießt seine Arbeit breite Anerkennung

Vom Skandal der Nation zum Staatspreis: Hermann Nitsch feiert seinen 70. Geburtstag © Bild: APA/Hochmuth

Zehn Jahre ist es her, seit Hermann Nitsch mit seinem 6-Tage-Spiel auf Schloss Prinzendorf für hohe, erbitterte Wogen in der österreichischen Öffentlichkeit sorgte. Heute hat sein umstrittenes Werk unbestrittene Heimat gefunden - nicht nur in Österreich. Zu seinem 70. Geburtstag "schenkt" der italienische Sammler Giuseppe Morra seinem langjährigen Freund ein eigenes Museum in Neapel. "Diese Selbstdokumentation macht mir viel Freude", erzählte der Jubilar beim Abschreiten der Baustelle. Bis zur Eröffnung am 13. September hat er hier alle Hände voll zu tun, den Geburtstag begeht er mit einer kleinen, familiären Feier an der nahe gelegenen Küste.

Das "Museo Nitsch" ist schon das zweite seiner Art - im niederösterreichischen Mistelbach eröffnete im vergangenen Jahr das erste Nitsch-Museum. Anlässlich des Geburtstages ist dort noch bis zum Jänner 2009 Nitschs 20. Malaktion Wiener Secession von 1987 zu sehen, ab dem 22. November zeigt die Salzburger Galerie Weihergut eine umfangreiche Retrospektive.

Seine internationale Bekanntheit führt Nitsch in den kommenden Monaten bis nach Japan, wo gleichzeitig mit dem Museum in Neapel am 13. September eine Installation eröffnet wird und Nitsch im November eine Malaktion plant. Weitere Ausstellungen, unter anderem in Budapest, zahlreiche Geburtstagsveranstaltungen sowie ein gerade im Styria Verlag erschienenes Buch mit dem Titel "Der Nitsch und seine Freunde" runden den Geburtstagsreigen ab.

Breite Anerkennung
Derartig breite und unwidersprochene Anerkennung hielt Nitschs Laufbahn bisher selten für ihn bereit. 1938 in Wien geboren, besuchte er dort die Grafische Lehr- und Versuchsanstalt und beschäftigte sich bereits in seinen ersten malerischen Arbeiten mit religiösen Themen. Seit 1957 verfolgt der Künstler konsequent die seine gesamte Arbeit bestimmende Idee eines als Gesamtkunstwerk konzipierten Daseinsfestes - das sogenannte Orgien-Mysterien Theater (OM Theater). Seine Arbeiten ab Beginn der 60er Jahre markieren wesentliche Stationen des Wiener Aktionismus.

Auf Aktionen mit Lammkadavern, die mit Blut und Wasser beschüttet wurden, folgten Körperschüttungsaktionen, für die sich zunächst Freunde wie der Aktionist Rudolf Schwarzkogler oder der Fotograf Heinz Cibulka zur Verfügung stellten. Den internationalen Durchbruch brachte 1966 eine Einladung nach London zum "Destruction in Art Symposion". Nitschs Aktion vor internationalem Publikum wurde von der Polizei abgebrochen - es folgten Einladungen in die ganze Welt, ab den 80er Jahren sind seine Arbeiten in den renommiertesten internationalen Museen zu finden.

Aktionen in Prinzendorf
Zum Zentrum seines Schaffens erkor Nitsch 1971 das Barockschloss Prinzendorf im niederösterreichischen Weinviertel, dessen Erwerb ihm seine zweite, später nach einem Unfall verstorbene Frau Beate ermöglichte. Es wurde zum Austragungsort zahlreicher Aktionen des OM Theaters, nicht zuletzt des heftig umstrittenen 6-Tage-Spiels 1998, das Nitsch als bisherigen Höhepunkt seines Schaffens betrachtete.

Von heftigen Anfeindungen begleitet, musste die Aktion nach drei Tagen als private Veranstaltung weitergeführt werden. Sein nach einer genauen Partitur ablaufendes "Gesamtkunstwerk für alle Sinne", in dem Aktionen und Malerei, Musik und Kulinarik miteinander verbunden werden, ist aber längst nicht abgeschlossen, eine weitere Aufführung des 6-Tage-Spiels könnte sich der vielbeschäftigte Künstler "in zwei bis drei Jahren" vorstellen.

Österreichischer Staatspreis
In seiner Heimat erhielt Nitsch in den vergangenen Jahren zahlreiche Anerkennungen, so wurde ihm 2004 der Niederösterreichkulturpreis verliehen, 2005 die Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien und schließlich auch der Österreichische Staatspreis. Im selben Jahr zeigte er seine 122. Aktion im Wiener Burgtheater, 2007 wurde im Museumszentrum Mistelbach das erste Nitsch-Museum eröffnet. An den Ruhestand denkt der ehemalige Provokateur allerdings nicht. "Ich plane ja, weit über die 70 hinaus zu kommen. Und man weiß ja auch von den Komponisten: Die letzten Werke sind in der Regel die besten."

(apa/red)