Vom "liebevollen Bub" zum Terror-Führer: Zarqawis langer Weg zum Top-Terroristen

War US-Armee schon mehrmals knapp entkommen

Seine Mutter hat ihn als "liebevollen" Buben geschildert, ehemalige Gefängnisgenossen nennen ihn "charismatisch". Doch fest steht: Abu Musab al-Zarqawi hat schon in jungen Jahren in seiner Umgebung Angst und Schrecken verbreitet. "Er hat sich Disziplin mit einem einzigen Blick verschaffen können und hat die mächtigste Gruppe innerhalb des Gefängnisses kontrolliert", sagt ein Arzt, der Zarqawi in den 90er Jahren als Häftling erlebt hat. In den Akten wurde er schon damals als "sehr gefährlich" geführt. Nach der US-Invasion im Irak im März 2003 stieg er zum einflussreichsten Terrorführer der Welt auf.

Mehr als zwei Jahre haben die US-Streitkräfte im Irak ohne Erfolg nach dem gebürtigen Jordanier gesucht und ein Kopfgeld von 25 Mio. Dollar (19,5 Mio. Euro) auf ihn ausgesetzt, doch er entwischte ihnen immer wieder. Ende 2004 starteten die US-Truppen sogar eine Großoffensive in der Sunniten-Hochburg Falluja, um Zarqawi zu fassen. Schon im Februar 2005 soll er den US-Truppen nur knapp entkommen sein. Damals fanden die Soldaten einen Computer mit Fotos des öffentlichkeitsscheuen Terrorführers, der im Gegensatz von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden keinen Wert auf Videoauftritte legt.

Rief noch zuletzt zu Gewalt auf
In einer erst vor wenigen Tagen veröffentlichten Tonbandbotschaft rief Al-Zarqawi die Sunniten erneut zum Widerstand gegen "ungläubige" Schiiten auf. "Bereitet Euch darauf vor, diese ungläubigen Schlangen und ihr Gift loszuwerden ... und hört nicht auf jene, die zu einem Ende der Gewalt zwischen den Religionsgruppen aufrufen", sagte der Terrorführer, dessen Gruppe sich zu zahlreichen verheerenden Anschlägen gegen Schiiten, ausländische Truppen und irakische Sicherheitskräfte bekannt hat.

Zarqawi wurde im Oktober 1966 in der jordanischen Stadt Zarka geboren, nach der er sich Anfang der 90er Jahre benannte. Als Fadal Nassal al Khaleila wuchs er in ärmlichen Verhältnissen mit drei Brüdern und sieben Schwestern auf. Wer Zarqawi als Teenager erlebt hat, erinnert sich an einen Jugendlichen, der aus Faulheit seinen Schulabschluss vergeigte, gerne Alkohol trank, nie ohne Messer aus dem Haus ging und von der See träumte. Mit 17 ließ er sich einen Anker auf den Arm tätowieren. Als er später die Religion für sich entdeckte, brannte er sich das Bild selbst aus der Haut, wie der Gefängnisarzt Bassal Ishak Abu Sabha erzählt.

Redeverbot für Familie
Für seine Mutter Omm Sayal war Zarqawi ein "liebevoller und gefühlvoller" Sohn. Allerdings sei der Bursche auch sehr leicht in Zorn geraten und habe heftige Wutanfälle bekommen, sagte sie einmal. Omm Sayal starb Anfang 2004, und mittlerweile will niemand aus der Familie mehr mit Journalisten reden. "Wir bewundern ihn endlos", sagt eine der Schwestern auf der Türschwelle des Elternhauses in Zarqa. "Wir haben aber keinen Kontakt zu ihm und nichts weiter zu sagen." Auch seine beiden Ehefrauen und vier Kinder sind nicht für die Presse zu sprechen. Zarqawi soll seiner Familie striktes Redeverbot erteilt haben.

Mit 22 Jahren steuerte der junge Jordanier noch auf eine recht bürgerliche Existenz zu: Er heiratete eine Cousine mütterlicherseits und trat eine Stalle bei der Gemeindeverwaltung an. Nach sechs Monaten zog er allerdings nach Pakistan um und fing an, für eine Zeitung der Mujaheddin zu arbeiten. 1991 schloss sich Fadal Nassal al Khaleila einer radikalen Salafistengruppe an und nannte sich fortan Abu Mussab al Zarqawi. Mit seinem Mentor und Gründer der Organisation, dem Pakistaner Mohammed al Makdessi, kehrte er 1992 in seine Heimat Jordanien zurück. Zwei Jahre später wurde er wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen Gruppe und Waffenbesitzes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Im Gefängnis baute sich Zarqawi eine fulminante Machtposition auf. Als er nach fünf Jahren 1999 im Zuge einer Generalamnestie entlassen wurde, hatte er seinem Mentor Makdessi die Kontrolle über dessen Salafistengruppe "Al Tawhid wal Heshra al Muwahaddin" entrissen. "Die Häftlinge hatten Angst vor ihm", berichtet Gefängnisarzt Bassal Ishak Abu Sabha. Als er einmal einem Gefangenen mitgeteilt habe, dass er wegen einer komplizierten Diagnose in ein anderes Krankenhaus verlegt werden müsse, habe dieser ihm geantwortet, er müsse erst Zarqawi um Erlaubnis bitten.

Nach seiner Haftzeit forcierte Zarqawi seine Karriere im Terrornetz. Im Jahr 2000 lernte er in Afghanistan den Al-Kaida-Führer Osama bin Laden kennen. Ende 2001 zog er in den kurdischen Norden des Irak, wo er sich der Al-Kaida-Gruppe Ansar al Islam anschloss. Bald brachte er es zum Anführer der Organisation Al Kaida des Jihad im Zweistromland, die den Irak durch Entführungen, Anschläge und die Enthauptung von Geiseln terrorisiert. Wegen der Ermordung des US-Diplomaten Lawrence Foley im Oktober 2002 in Amman wurde er vor zwei Jahren von der jordanischen Justiz zum Tode verurteilt.
(APA/red)