Volkstheater von

Im Niemandsland
der fremden Heimat

Heinz Sichrovsky über Yael Ronens unpädagogisches Migrationsprojekt

Niemandsland © Bild: www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Zusehends gewinnt das Wiener Volkstheater an Kontur im Sinne seines Namens: „Niemandsland“, erarbeitet von der israelischen Regisseurin Yael Ronen mit dem Ensemble, ist ein Stück Volksbildung, wie man es nicht mehr für möglich gehalten hätte. Entwaffnend in seiner Lauterkeit und gescheiten Naivität, wird hier zwei Stunden lang über Fremdsein und die Last des traumatisierten Lebens erzählt.

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Hauptschauplatz ist Wien. Azra Avidovic bringt sich und ihre studierende Tochter Leila als Kammerjägerin durch. Beider Leben ist schicksalhaft verbunden mit dem des Schauspielers Milos Dragovic, der erfahren muss, dass sein bewunderter Vater als Schinder und Vergewaltiger einem Kriegsverbrecherprozess in Belgrad entgegensieht. Leilas schlampiges Verhältnis ist der im Nahen Osten stationierte Fernsehjournalist Fabian Feldkirch, der seinerseits den Manipulationen des Menschenrechtsanwalts Lukas Nachmann auf die Spur kommt. Und der Rote Faden im kunstvollen Gewebe ist die reale Beziehung der Israelin Jasmin Avissar und des Palästinensers Osama Zatar, die heirateten und aus beiden Welten ausgestoßen wurden, bis sie in Wien Zuflucht und Heimat fanden.

Yael Ronens Projekt wurde schon am Grazer Schauspielhaus bewundert und verfehlt nun, in adaptierter Form, auch am Volkstheater nicht seine Wirkung. Die Regisseurin richtet den Blick nicht von außen auf die Ereignisse. In Fatima Sonntags uneitler, zweckdienlicher Ausstattung wird leidenschaftlich und unter Aufbietung größtmöglicher Verwandlungskunst Theater gespielt. Dabei bleibt die Korrektheitskeule im Fundus und Ronens Blick auf den zivilgesellschaftlichen Überschwang ungetrübt: Dem herzensguten und doch fein karikierten Politologiedozenten Jörg steht der dubiose Anwalt gegenüber, wobei – ein kleines Wunder theatralischer Dialektik – auch über den kein abschließendes Urteil gefällt wird.

Unter den Schauspielern ist an erster Stelle Birgit Stöger zu nennen, die in der Rolle der Azra Avidovic die tragikomische Urgewalt der Brecht’schen „Mutter Courage“ mobilisiert. Knut Berger (Jörg), Seyneb Saleh (Leila), Jan Thümer (Feldkirch), Sebastian Klein (Milos) und Julius Feldmeier (Nachmann) lassen keine Wünsche offen. Jasmin Avissar und Osama Zatar profitieren, dem Kulturphilosophen Walter Benjamin folgend, von der Aura des Originals.

Den Besuch der zweieinhalb pausenlosen Stunden kann man nicht bereuen.

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