Leben von

Seelen-Strip

Über die Premiere von Anton Tschechows „Iwanow“ am Volkstheater

Iwanow im Volkstheater © Bild: www.lupispuma.com/Volkstheater

Anton Tschechows Dramen zu inszenieren, ist eine der größten Herausforderungen für jeden Regisseur, nur noch zu vergleichen mit dem Himmelfahrtskommando, Mozarts „Zauberflöte“ auf die Bühne zu bringen. Der ungarische Regisseur Viktor Bodo nahm sich nun im Volkstheater mit einem exzellenten Ensemble „Iwanow“ vor. Das Ergebnis ist ein kraftvolles Sittenbild verkommener, gelangweilter Seelen.

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Unvergessen wird Peter Zadeks „Iwanow“ mit Gert Voss in der Titelrolle des seelengepeinigten, bankrotten Gutsbesitzers bleiben. Das aber ist 26 Jahre her und messen lässt sich daran nichts.

Nun aber ist Viktor Bodo dran. Und seine Inszenierung bringt mit Darstellern wie und Jan Thümer als Iwanow und Stefanie Reinsperger als schwindsüchtige Anna Petrowna viel mit, um den in den Status der Erinnerungswürdigkeit zu rücken. Bodo zeigt schlüssig das Panorama einer verkommenen Gesellschaft. Dafür hat Lörinc Boros auf die Bühne des Volkstheaters ein verfallenes Zimmer einer Datscha in Breitwand-Format gestellt. Ein Waschbecken, eine abgewetzte Ledersitzbank, ein Tisch, ein paar Sessel und verschiebbare Glaswände im Hintergrund erwecken den Eindruck von Überfrachtung, ähnlich wie die Bühnen des Letten Alvis Hermanis. Und ein Klavierspieler, der immer wieder Szenen einleitet, wirkt wie von Aufführungen Christoph Marthalers ausgeborgt, aber Bodos Spiel mit fremden Elementen tut der Atmosphäre keinen Abbruch. Denn alle Tschechowschen Versatzstücke sind vorhanden, man trinkt Tee, im besten Fall mit Stachelbeermarmelade, man spielt Karten und man langweilt sich. Nur der Samowar fehlt, der wird von einem tragbaren, hellblauen Boiler ersetzt.

Langeweile als Stilmittel

Und die für Tschechow-Dramen typische Langeweile macht Bodo im ersten Teil vor der Pause zum Stilmittel. Er dehnt das Darzustellende, unterbricht aber durch übertriebene Slapstick und Einmann-Rüppelszenen des Verwalters Borkin (Thomas Frank). Das wirkt übertrieben und langweilt wirklich, weil Frank wie ein zwar virtuos agierender Fremdkörper in ein feinsinnig agierendes Ensemble gesteckt wirkt. Günter Franzmeier, Steffi Krautz, Nadine Quittner, Claudia Sabitzer und vor allem Gabor Biedermann als Arzt begeistern. Und wie Stefanie Reinsperger als Anna Petrowna die Leiden der schwindsüchtigen, betrogenen Ehefrau darstellt, ist eine Meisterleistung, wie man sie selten auf einer Bühne sieht.

Moderner Verlierer

Jan Thümer zeigt mit seiner Darstellung des verarmten Gutsbesitzers Iwanow eine schauspielerische Hochleistung. Stellt er zu Beginn einen lässigen Loser dar, der vom Leben gelangweilt, sein Vergnügen außer Haus sucht, während seine Frau zu Hause ihrem Leid überlassen ist, steigert Thümer seinen Iwanow zum gnadenlosen zum Selbstzweifler. Die präzise Studie eines Seelentrips führt er mit einer Intensität vor, die heute ihresgleichen nicht so leicht findet, wenn er sich in der Badewanne von seiner Schuld reinwaschen will, sich schutzlos seinem Schicksal ausliefert und am Ende nach dem Tod seiner Frau vor der Zukunft kapituliert. Wie er dabei im Bühnenmittelpunkt steht und im Hochzeitsanzug ein ungarisches Lied mit zarter Stimme antönt, während alles andere in den Hintergrund driftet, ist ein starkes Finale für eine starke Aufführung.

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