Volkstheater von

Handkes „Selbstbezichtigung“ als atemberaubender Monolog

Sichrovsky über Reinspergers Meisterleistung am Außenschauplatz des Volkstheaters

Selbstbezichtigung © Bild: Ulrike Rindermann / Volkstheater

Seit zwei Monaten leitet Anna Badora das Wiener Volkstheater. In dieser Zeit wurden dort Werke von Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek und nun Peter Handke herausgebracht, alle inszeniert von Dusan David Parizek, dem spannendsten in Wien verfügbaren Regisseur, zwei mit seinem schauspielerischen Alter ego Stefanie Reinsperger. Handkes früher Text „Selbstbezichtigung“ am kleinen Außenschauplatz Volx/Margareten ist der vorläufige Glanzpunkt dieser Entwicklung.

THEMEN:

Handke war 23 Jahre alt, als er das Gegenstück zur berühmteren „Publikumsbeschimpfung“ schrieb: Das Publikum ist nicht Angeklagter, sondern ein Gerichtshof, vor dem das Ich monologisierend, in endloser Kette, seine schuldhafte Entwicklung einbekennt. Aus dem Anpassungsverweigerer wird ein Angepasster, Höhepunkt des dichten, atemlos-virtuosen Textes ist das Geständnis, die Sprache in Floskeln und abgenutzten Attributen geschändet zu haben.

Selbstbezichtigung
© Ulrike Rindermann / Volkstheater

Parizeks Fassung unterhebt das strenge, abstrakte Geschehen mit autobiografischen Details seiner Darstellerin. Das ist prinzipiell obwaltende Dramaturgenunsitte und banalisiert Handkes Text. In diesem Fall aber ist damit die grandiose Leistung Stefanie Reinspergers nicht zu teuer erkauft. Unter der Anleitung eines Regisseurs, der seine Lust und sein Gelingen an emphatischer psychologischer Personenführung mehrfach bewiesen hat, erbringt sie eine Meisterleistung, wie man sie auf Wiener Bühnen zuletzt selten gesehen hat. Wie einst Peter Zadeks Schauspieler scheut sie dabei kein Risiko, beherrscht die Mittel aber in einem Ausmaß, das Misslingen ausschließt.