Spitzentöne von

Allerletzte Runde
um das baufällige Haus

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Mitte Juni werden wir wissen, wer ab Herbst 2020 das leergespielte Volkstheater leitet. Ein kleiner Favoritenkreis hat sich schon durchgesetzt - Überraschungen sind möglich.

Bei Redaktionsschluss war der Dreiervorschlag für das Volkstheater noch in Endfertigung. Aber die Findungskommission war so weit gelangt, dass mit der Bekanntgabe der neuen Direktion Mitte Juni gerechnet werden kann. Bestärkt durch die prinzipielle Bereitschaft der Stadt, dem unter dortierten und leergespielten Haus Nothilfe in der Gestalt zweier zusätzlicher Subventionsmillionen zu leisten, konnte die Kommission auch Inhaber bis dahin ungenannter attraktiver Namen ansprechen. Neu im Spiel und erstklassig gereiht soll der Dortmunder Intendant Kay Voges (geboren 1972 in Düsseldorf) sein: ein radikaler Postdramatiker, der sich für die Nachfolge des gleichgesinnten Frank Castorf an der Berliner Volksbühne ins Gespräch brachte. Daraus dürfte zwar nichts werden, dafür soll es Voges jetzt unter die Höchstgereihten für das Volkstheater geschafft haben.

Von der Jury des Berliner Theatertreffens wird er mehr geschätzt als von der dortigen Presse: Der "Tagesspiegel" giftete ihn mit dem Bemerken, sein Publikum laufe ihm "in Scharen davon", aus dem Bewerb. In Dortmund experimentiert man an den digitalen Außenpositionen der Theaterkunst, in Hannover erboste sich die CDU über Voges' "Freischütz"-Inszenierung, deren Besuch wegen des beherzten Videoeinsatzes Jugendlichen unter 16 Jahren versagt blieb.

Einer von Voges' maßgeblichen Regisseuren ist der Berliner Ersan Mondtag (Jahrgang 1987), der kürzlich mit Sibylle Bergs "Hass-Triptychon" erfolgreich bei den Wiener Festwochen gastierte. Auch er soll die Endrunde für das Volkstheater erreicht haben -dass er sich beworben hat, stellt er selbst nicht in Abrede.

Die wahrscheinlich spektakulärste Nachricht aber betrifft die deutsche Theaterexpertin Rita Thiele, Jahrgang 1954, anno Peymann Dramaturgin am Burgtheater, heute Vizedirektorin am Hamburger Schauspielhaus. Ihr galt das vordringliche Interesse von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, seit Elfriede Jelinek den exzellenten Namen im September des Vorjahrs via News in die Debatte geworfen hatte. Am folgenden 11. Jänner skizzierte Rita Thiele via News Eckdaten einer erfolgreichen Theaterdirektion österreichischer Eigenart: weniger Premieren, dafür ein Netz erstklassiger Koproduktionspartner, ein eventuell kleineres, aber hochkarätiges Ensemble mit Gästen, all das mit dem Fokus auf den gut gefüllten österreichischen Fundus von Nestroy bis zur Gegenwart. Rita Thiele hatte sich wegen der finanziellen Ausstattung des Hauses schon aus dem Bewerb genommen, den sie jetzt siegreich beenden könnte. Gleichfalls früh in News genannt: Thomas Gratzer, geboren 1962 in Krems, derzeit Direktor des Wiener Rabenhof Theaters. Er könnte Rita Thiele und ihrem Team (dem Vernehmen nach eine Regisseurin und eine Dramaturgin) die abgewirtschaftete Außenbezirke-Tournee abnehmen. Gratzer ist auch in einer anderen Konstellation ein gefragter Kandidat: Der Bozener Intendantin Irene Girkinger fehlt es an nichts als an dem, was Gratzer im Überfluss mitbringt -Charisma und ein stabiles Netzwerk gegen österreichische Niedertracht.

Und sonst? Überraschungen sind nicht auszuschließen, wenn sich etwa die sehr erfolgreiche Intendantin des Niederösterreichischen Landestheaters, Marie Rötzer, vom Paradies nebst der Traisen ins Wiener Dschungelcamp überreden ließe. Und zu unterstellen, dass Paulus Mankers ebenso kühnes wie seriöses Konzept die Vorrunden nicht überstanden hätte, hieße die Kommission beleidigen. Noch etwas? Ja, der frühere Theatereigner ÖGB, der sich zwar aus den finanziellen Verpflichtungen empfohlen hat, aber immer noch die Führungsgremien besetzt hält, ist bald aus dem Spiel. Zumindest an dieser Entscheidung gibt es nichts auszusetzen.