"Völlige Verpflichtung zur Gewaltfreiheit":
Dalai Lama droht mit politischem Rücktritt

Pöttering: Aufruf zu Olympia-Boykott durch Politiker Exiltibeter melden mindestens 39 Tote bei Protesten

"Völlige Verpflichtung zur Gewaltfreiheit":
Dalai Lama droht mit politischem Rücktritt © Bild: APA/EPA

Der Dalai Lama hat seinen Rücktritt für den Fall angekündigt, dass die gewaltsamen Proteste von Tibetern gegen die chinesische Fremdherrschaft außer Kontrolle geraten. "Sollten die Tibeter den Weg der Gewalt wählen, müsste er zurücktreten, denn er ist völlig der Gewaltfreiheit verpflichtet", erklärte Sprecher Tenzin Tahkla. Das im indischen Exil lebende Oberhaupt der Tibeter hat seine Landsleute zu Zurückhaltung aufgerufen. Er würde als politischer Führer und Staatsoberhaupt zurücktreten, aber nicht als Dalai Lama.

Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao hatte zuvor die "Clique" des Dalai Lama für die vor über einer Woche ausgebrochenen Unruhen verantwortlich gemacht, die inzwischen auch auf andere Provinzen - Sichuan, Qinghai, Gansu - übergegriffen haben. Die Unruhen hätten schwere Verluste an Menschenleben und Eigentum verursacht, sagte Wen in Peking. Der Führer des Tibetischen Jugendkongresses, Tsewang Rigzin, griff unterdessen den Dalai Lama wegen dessen Verzichts auf einen Aufruf zum Olympiaboykott an und forderte die Tibeter auf, ihre Proteste fortzusetzen.

Im Jahr 2002 hatte der Dalai Lama angekündigt, dass er nach seinem Tod nicht im besetzten Tibet oder einem anderen Gebiet unter chinesischer Herrschaft wiedergeboren wird. Wenn Tibet zu seinen Lebzeiten nicht befreit werde, finde seine Wiedergeburt in einem anderen Land statt, das frei sei. Er wolle die Wiederholung der Vorkommnisse im Fall des Pantschen Lama vermeiden. Peking hatte 1989 den als Reinkarnation des verstorbenen 10. Pantschen Lama anerkannten Knaben Gedhun Choekyi Nyima in Gewahrsam genommen und einen Gegen-Pantschen-Lama bestimmt.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, brachte unterdessen einen Politikerboykott bei den Olympischen Spielen in Peking im kommenden Sommer ins Gespräch. Politiker, die zur Eröffnung der Sommerspiele nach China reisen wollten, sollten ihre Pläne überdenken, so der Deutsche.

Mindestens 39 Tote
Bei den Protesten in den chinesischen Provinzen Sichuan und Gansu sind nach exiltibetischen Angaben mindestens 39 Menschen ums Leben gekommen. Als chinesische Sicherheitskräfte in Aba in Sichuan das Feuer auf Demonstrationen eröffnet hätten, seien mindestens 20 Tibeter getötet worden, berichtete das exiltibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) aus Indien. Neun der Toten wurden namentlich aufgeführt.

Nach Angaben der exiltibetischen Regierung im nordindischen Dharamsala sollen ferner 19 Demonstranten bei Protesten seit Montag in der Provinz Gansu erschossen worden sein. Eine Bestätigung aus anderen Quellen gab es zunächst nicht. Bisher hatte das TCHRD-Zentrum über mindestens 80 Tote bei den Unruhen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa berichtet.

Die Organisation Free Tibet Campaign veröffentlichte eine Serie von Fotos von den Opfern in Aba in Sichuan, die deutlich Schusswunden zeigten. Die Bilder habe das Kirti-Kloster in Indien von seinem gleichnamigen Schwesterkloster in Aba erhalten. Die Organisation berichtete ferner, Augenzeugen in Aba hätten bestätigt, dass chinesische Sicherheitskräfte am Sonntag das Feuer auf eine Gruppe von Demonstranten eröffnet habe.

Die chinesische Regierung hatte immer beteuert, dass keine Schusswaffen gegen Demonstranten eingesetzt worden seien. Unklar blieb allerdings, ob sich das nur auf die schweren Unruhen in Lhasa bezog oder auch auf die aufgeflammten Proteste an anderen Orten in Tibet oder den Nachbarprovinzen. Das tibetische Siedlungsgebiet ist nahezu doppelt so groß wie die 1965 von den Kommunisten errichtete autonome Region Tibet; weite Teile des alten Tibet wurden damals den Provinzen Sichuan und Qinghai angegliedert.
(apa/red)