Viele Warnhinweise vor Amoklauf in USA: Koreaner schockte mit perversen Blut-Dramen

Dozentin informierte Uni-Leitung über Studenten Tausende trauern bei Nachtwache um 32 Todesopfer<br><b>BILDER und VIDEOS:</b> Bush besuchte Trauerfeier

Viele Warnhinweise vor Amoklauf in USA: Koreaner schockte mit perversen Blut-Dramen

Mit einer Gedenkversammlung im Beisein von US-Präsident George W. Bush und einer Nachtwache hat die Technische Universität von Virginia der 32 Opfer des Amokläufers Cho Seung Hui gedacht. Studenten, Dozenten und Anrainer entzündeten tausende Kerzen und erinnerten schweigend an die getöteten Kommilitonen. Unterdessen wurden immer mehr verstörende Einzelheiten aus dem Leben des Täters bekannt.

Im vergangen Herbst schrieb der 23-jährige Einzelgänger in einem Uni-Kurs Theaterstücke, deren gewaltsamer Inhalt Professoren und Studenten erschreckte. Seine Figuren griffen andere mit Kettensägen an und warfen Hämmer, wie ein Mitschüler berichtete. Chos Stücke wirkten mit ihrer "perversen, makabren Gewalt" bisweilen "wie aus einem Albtraum", schrieb der Exstudent Ian MacFarlane in einem Blog. Cho habe den Einsatz von Waffen beschrieben, die er sich selbst nicht einmal hätte vorstellen können.

"Mit Problemen belastet"
Die Leiterin der Fakultät für Englisch an der Technischen Hochschule in Blacksburg, Carolyn Rude, sagte, die Direktorin der Fachschaft Kreatives Schreiben habe ihn als "mit Problemen belastet" beschrieben. Cho sei an den psychologischen Dienst verwiesen worden. "Er hat Anlass zur Sorge gegeben", sagte Rude. "Beim kreativen Schreiben enthüllen Menschen manchmal Dinge, von denen man nicht weiß, ob sie sich das ausdenken oder ob das vielleicht wahr sein könnte."

Achtseitiges Schreiben hinterlassen
Was genau die Tat auslöste, blieb zunächst weiter unklar. Der aus Südkorea stammende Englischstudent hinterließ aber ein achtseitiges Schreiben, in dem er nach Angaben aus Ermittlerkreisen gegen reiche Kinder und Religion schwadronierte. "Ihr habt mich dazu gebracht, dies zu tun", schrieb Cho an einer Stelle. Das Ende sei nahe und es müsse noch eine Tat vollbracht werden.

"The Chicago Tribune" berichtete in ihrer Online-Ausgabe, der Amokläufer habe in jüngster Zeit ein beunruhigendes Verhalten an den Tag gelegt. Beispielsweise habe er in einem Zimmer eines Wohnheims Feuer gelegt. Die Ermittler glaubten, dass Cho zu einem gewissen Zeitpunkt Medikamente gegen Depressionen genommen habe, berichtete die Zeitung.

"Der Fragezeichen-Typ"
Kommilitonen erzählten, am ersten Tag eines Literaturseminars hätten sich alle Teilnehmer vorgestellt, nur Cho habe nichts gesagt. Auf der Anwesenheitsliste habe er nur ein Fragezeichen eingetragen. "Ist Ihr Name 'Fragezeichen'?", habe der Professor gefragt, erinnerte sich die Studentin Julie Poole. Cho habe darauf kaum reagiert. "Wir kannten ihn eigentlich nur als den Fragezeichen-Typen."

Die Regierung von Virginia wird das Vorgehen der zuständigen Dienststellen beim Amoklauf an der Universität in Blacksburg offiziell untersuchen lassen. Der Untersuchungsausschuss werde auf Bitten der Universitätsleitung gebildet, erklärte Gouverneur Tim Kain. Studenten und Eltern hatten der Universität Versagen vorgeworfen, weil sie den Campus nicht sofort nach den ersten Schüssen abgeriegelt hatte. Außerdem seien die Studenten zu spät gewarnt worden.

Bei der Nachtwache auf dem Campus suchten Tausende Trost. Man brauche die Kraft jedes einzelnen um weiterzumachen, sagte Uni-Vizepräsidentin Zenobia Hikes. "Wir möchten der Welt zeigen, dass wir die Virginia Tech sind, wir werden wieder aufstehen, wir werden mit unseren Gebeten überleben." Die Menschen umarmten sich und legten Botschaften an einem improvisierten Gedenkmal für die Opfer der Bluttat nieder.

Zuvor hatte Präsident Bush bei einer Feierstunde gesagt: "Dies ist ein Tag der Trauer für unsere gesamte Nation. Menschen im ganzen Land denken an euch und bitten Gott darum, allen Betroffenen Trost zu schenken."

Südkorea betroffen
Die südkoreanische Regierung hielt eine Sondersitzung ab. Staatspräsident Roh Moo-hyun habe vor den Kabinettsmitgliedern seine Betroffenheit darüber ausgedrückt, dass es sich bei dem Urheber der tödlichen Schüsse um einen Landsmann gehandelt habe, sagte eine Sprecherin. Er habe den Angehörigen der Opfer und dem gesamten Volk der Vereinigten Staaten kondoliert.

Holocaust-Überlebender getötet
Einer der bei dem Amoklauf Getöteten ist ein Holocaust-Überlebender, wie eine amerikanisch-israelische Freundschaftsorganisation mitteilte. Bei dem Versuch, seine Studenten vor dem Schützen zu retten, starb auch der 76-jähriger Dozent Liviu Librescu. Sein Sohn Joe sagte dem US-Fernsehsender CNN, er habe von den Studenten seines Vaters gehört, dass "alle Studenten, etwa zwanzig, aus dem Fenster steigen konnten und der Professor, gegen die Tür gepresst, sich habe töten lassen". Liviu Librescu war von den Nazis in ein Arbeitslager in der Ukraine deportiert worden. Unter den 32 Todesopfern des Massakers in Blacksburg waren zwei weitere Hochschuldozenten. Der Amokschütze Cho tötete sich nach den Morden selbst.

Rumänischer Professor posthum geehrt
Liviu Librescu ist posthum in seiner Heimat geehrt worden. Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu erkannte dem Wissenschafter für sein "Heldentum" während des Attentas den höchsten Staatsorden zu.

Er hatte 1952 die Polytechnische Universität in Bukarest absolviert, wanderte 1978 nach Israel aus und später in die USA.

Erste Todesschüsse fielen im Studentenheim
Nach vorläufigen Erkenntnissen fielen die ersten Todesschüsse im Studentenwohnheim West Ambler Johnston Hall. Als die Polizei dort eintraf, fanden die Beamten zwei Tote und zwei Verletzte. Weil die Beamten zu dieser Zeit noch von einer Einzeltat aus persönlichen Motiven ausging, ließen sie lediglich das Wohnheim räumen, nicht aber den gesamten Campus. Dies habe es dem Täter ermöglicht, zwei Stunden später seinen Amoklauf in Norris Hall, dem Institut für Ingenieurwissenschaften, fortzusetzen, kritisierten Studenten und Angehörige der Opfer. Dabei tötete er weitere 30 Menschen und schließlich sich selbst. Laut Krankenhausangaben wurden 21 Menschen verletzt.

Der Student Derek O'Dell hat gerade an einem Deutschkurs teilgenommen, als die Tür aufging und der Schütze zunächst auf einen Kommilitonen und den Sprachlehrer feuerte. Dann habe er seine Waffe der Reihe nach auf fast alle anderen Personen in dem Raum gerichtet, erzählt O'Dell CNN. "Ich habe mich unter dem Tisch versteckt und er schoss nach und nach auf jeden in der Klasse", sagt er. "Es waren wahrscheinlich 15 bis 20 Leute da und er hat auf zehn bis 15 von ihnen geschossen." Der Student selbst erlitt eine Schusswunde am Arm.

"Dieser Typ wollte töten"
"Dieser Typ hatte ein klares Ziel, er wollte jeden, der ihm vors Visier kam, töten. Es ging ihm nicht allein darum abzudrücken, er wollte sie töten." So beschreibt der Arzt Joseph Cacioppo seinen Eindruck. Er arbeitet in der Notaufnahme des Spitals, in dem die Verletzten eingeliefert wurden. "Alle Opfer hatten mehrere Schusswunden", sagt Cadioppo. "Selbst diejenigen mit den leichtesten Wunden hatten mehrere Schüsse abbekommen."

Virgina hat eines der liberalsten Waffengesetze der USA
Unterdessen wurde die Kritik an den zu lockeren Waffengesetzen der USA laut. Die "New York Times" wies in einem Leitartikel darauf hin, dass Virginia eines der laxesten Waffengesetze in den USA habe.

Die Tat löste weltweit Entsetzen aus. In Virginia hingen die Flaggen auf Halbmast. US-Präsident George W. Bush zeigte sich schockiert. Bildungseinrichtungen müssten sichere Orte des Lernens sein, sagte Bush, der am Nachmittag an einer Trauerfeier in der Universität teilnehmen wollte. Das Recht auf Waffenbesitz verteidigte der Präsident allerdings. Papst Benedikt XVI. bezeichnete die Tat als "sinnlose Tragödie". Er bete für die Opfer und Angehörigen.

(apa/red)