Verzicht auf Anhebung: EZB lässt Leitzinsen
wie erwartet unverändert bei 4,00 Prozent

Turbulenzen an Finanzmärkten Rechnung getragen

Nach der Kreditkrise in den USA und dem Anstieg des Euro auf ein neues Rekordhoch schaltet die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihren Plänen für eine weitere Anhebung der Zinsen einen Gang zurück. Zweimal im Jahr verlässt die EZB für ihre monatliche Ratssitzung Frankfurt - diesmal war Wien an der Reihe. Wie allgemein erwartet, hat der EZB-Rat die Leitzinsen bei 4,00 Prozent unverändert gelassen.

Zwar haben die Währungshüter dabei weiter auf das nach wie vor bestehende Inflationsrisiko verwiesen. Erstmals räumten sie aber ein, dass die Teuerungsrate im Laufe des Jahres 2008 wieder zurückgehen werde. Derzeit geht die EZB davon aus, dass die Inflationsrate in den verbleibenden Monaten des Jahres 2007 und Anfang 2008 weiterhin deutlich über 2 Prozent liegen wird, bevor sie sich wieder abschwächen werde. Gleichzeitig betonte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, dass die Wachstumsrisiken nach den jüngsten Finanzmarktturbulenzen gestiegen seien - auch wenn er derzeit noch keine Auswirkungen auf die Konjunktur in der Eurozone erkennen kann.

Keine Überraschungen für die Ökonomen und Analysten. Der Euro legte um 0,3 Prozent auf 1,4130 Dollar zu. Der deutsche Leitindex Dax notierte mit 7.949,96 Punkten 0,07 Prozent im Minus, der Eurostoxx 50 legte geringfügig um 0,12 Prozent zu. Nur der Wiener ATX stieg deutlicher um 1 Prozent auf 4.736,04 Zähler.

Turbulenzen Rechnung getragen
Seit Ende 2005 hat die Zentralbank ihren Leitzins auf 4,00 Prozent verdoppelt, um die Inflation während des Aufschwungs im Zaum zu halten. Die Europäische Notenbank sieht Preisstabilität grundsätzlich erst knapp unter 2 Prozent gewährleistet. Vor diesem Hintergrund hätte sie ursprünglich schon Anfang September die Leitzinsen weiter auf 4,25 Prozent anheben wollen. Doch die Finanzmarktturbulenzen und die überraschend starke Zinssenkung in den USA kamen ihr dazwischen. Die US-Notenbank Fed hat die Leitzinsen zuletzt um 50 Basispunkte auf 4,75 Prozent zurückgenommen. Die europäische Gemeinschaftswährung ist in Folge erst diese Woche auf einen neuen historischen Höchststand von 1,4282 Dollar geklettert.

Exzessive Schwankungen bei den Wechselkursen würden sich sehr nachteilig auf das Wachstum der Weltwirtschaft auswirken, sagte Trichet. Aus Sicht seiner US-Kollegen sei ein starker Euro im Interesse der US-Wirtschaft.

Spiel auf Zeit
Die EZB spielt jetzt auf Zeit. "Wir müssen weiter Informationen abwarten, um die Situationen einschätzen zu können", erklärte Trichet. Zwar betonte er, dass die Inflationsrisiken derzeit mittelfristig nach oben weisen würden - etwa wegen der hohen Ölpreise, der gestiegenen Beschäftigung, der hohen Geldmengen im Markt, aber auch wegen der Lebensmittelpreise -, und dass die EZB bereit sei, "wann immer und wo immer einzugreifen", wenn sich herausstellen sollte, dass auf mittlere Sicht die Preisstabilität nicht gewährleistet werden könne. Dennoch hat sich Trichet nach allgemeiner Einschätzung der Ökonomen vorsichtiger zu einer möglichen Zinserhöhung geäußert als zuletzt. Das Wort "akkommodierend", mit dem er zuletzt eine Zinserhöhung in Aussicht gestellt hatte, hat Trichet nicht mehr verwendet.

Warum sollte er auch, meinen Analysten. Schließlich liege der kurzfristige Zins derzeit an den Märkten bei rund 4,80 Prozent und damit deutlich über dem Leitzins von 4,00 Prozent. Die meisten der EZB-Watcher gehen jetzt davon aus, dass die Europäische Notenbank die Leitzinsen bis 2008 nicht mehr antasten wird. Einige glauben sogar, dass der nächste Schritt nicht nach oben, sondern nach unten gehen wird.

(apa)