Verteidigungsbündnis oder Weltpolizist?
NATO auf der Suche nach neuer Identität

Fragezeichen auch hinter neuem Generalsekretär Kroatien und Albanien treten der NATO-Familie bei

Verteidigungsbündnis oder Weltpolizist?
NATO auf der Suche nach neuer Identität © Bild: Reuters

April 1949. In schmerzhafter Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verbünden sich zwölf Länder, um einer erneuten militärischen Aggression geschlossen gegenüber zu treten. Nun, zum 60-jährigen Jubiläum, befindet sich die NATO in einer veritablen Identitätskrise: Extern ist der Erzfeind Sowjetunion schon lange passé, intern wird über die Rolle im 21. Jahrhundert gestritten. Defensiv agierendes Verteidigungsbündnis oder offensiv agierender Weltpolizist? Der heute beginnende Gipfel soll Lösungen bringen.

Mit US-Präsident Barack Obama ist die Zeit der militärischen Alleingänge Vergangenheit. Er setzt auf multilaterale Zusammenarbeit, die Rolle des Weltpolizisten soll von den USA auf die NATO übergehen. In der Afghanistan-Problematik ist der Oval Office-Dirigent aber bei den europäischen Mitgliedern abgeblitzt. Die dort benötigten Streitkräfte werden die Vereinigten Staaten nun selbst schicken. Der alte Kontinent will sich dagegen verstärkt um den Wiederaufbau kümmern. Trotz Obama, die Bruchlinien innerhalb der NATO sind klar sichtbar.

Generalsekretär: Türkei stellt sich quer
Ein weiteres Problem, das der Gipfel zu beseitigen hat, ist die Nachfolge von NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer, dessen Amtszeit im Juli zu Ende geht. Galt die Wahl des dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen eigentlich als sicher, so stellt sich nun sein türkischer Amtskollege Tayyip Erdogan quer. Seine Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung nimmt ihm Erdogan offenbar immer noch übel.

Zuwachs in der NATO-Familie
Trotz aller internen Probleme und möglichen Ausschreitungen gibt es doch noch etwas zu feiern, denn die NATO-Familie erhält Zuwachs. Mit Kroatien und Albanien werden die Mitglieder 27 und 28 begrüßt, und mit Frankreich kehrt der „verlorene Sohn“ nach 43 Jahren wieder zurück, um seinen Einfluss zu stärken.

(red)